Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Wir mittendrin. Verwickelt, verstrickt, betroffen, überrollt. Ratlos, zweifelnd, ängstlich, zu bequem und zu wenig mutig, liebeshungrig und dann wieder kleingläubig, auf die andern schielend, abwartend, erschöpft. Alles ist vollbracht? Wo die Fülle der Aufgaben erdrückt. Wo die Rückschläge tiefer gehen als die Schritte nach vorn. Wo die Vokabel „vergeblich“ zu häufig Verwendung fin- det. Wo so manches ungesagt, unerfüllt, ungetan blieb. Es ist vollbracht. Jesu letztes Wort. Alles ist vollbracht. Gottes letztes Wort. Fremdes Wort, Gegensatz aus einer anderen Welt, Gottes Urteil. Ein Wort auf Glauben und Vertrauen. Nicht anders zu haben. Ohne dies Wort ist alles nichts, ohne Sinn. Ach, Herr, erbarme dich. 4. Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht. Streng ist seine Güte, gnädig sein Gericht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, laß uns auferstehn. Alles ist vollbracht. Gottes Wort, gedeckt durch den Gehorsam seines Soh- nes. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Er hat sich Gott gefügt, hat sich ganz in dessen Willen geschickt, hat sich in seine Hand gegeben, hat aus seiner Hand genommen: Leid und Tod. Damit auch die nicht trennen Gott und die Welt. Denn mit Jesus nimmt Gott auch dessen Einsamkeit, dessen Leid, dessen Schmerz, dessen Tod in die Hand. Trägt mit. Erträglich wird diese Welt, erträglich werden die Menschen auf ihr, erträglich werde ich selbst, weil und wenn und wo er uns trägt. Gott Lob: streng ist seine Güte, die einen hohen Preis hat. Gnädig sein Urteil: Gottes Gerechtigkeit verlangt Strafe und Begleichung der Schuld. Gottes Liebe zahlt sie. Teure, kostbare Gnade: Gott gibt her, der ihm am nächsten steht. Gott lässt los, der ihm am Herzen liegt. Ach, Herr, erbarme Dich. 5. Denn die Erde jagt uns auf den Abgrund zu. Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, laß uns auferstehn. Der Tod ist unvermeidlich. Alles, was ist, geht, hat ein Ende. Alles hat seine Zeit. Am Ende aber nicht der Abgrund. Am Ende der, der am Anfang war. Der uns ins Leben rief, lässt uns im Tod nicht los. Seine Hand reicht weiter, in seiner Hand ruht unsere Zeit. Der Abgrund ist durchkreuzt. Über ihm die ausgebreiteten Arme Jesu. Weit genug, um Dich und mich zu bergen. Zweifel nicht länger, sondern stell auch den Zweifel unter dies Wort: Es ist vollbracht. Denn auch den Zweifel hat Christus ans Kreuz getra- gen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ach, Herr, erbarme Dich 6. Hart auf deiner Schulter lag das Kreuz, o Herr, ward zum Baum des Lebens, ist von Früchten schwer. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, laß uns auferstehn. Herr, unser Gott, Lass das Kreuz deines Sohnes für uns zum Baum des Lebens werden. Öffne uns das Herz für dein Wort: Alles ist vollbracht. Wie sollten wir ihm Glauben schenken bei all den Rätseln, in all dem Leid, trotz aller Dunkel, wenn du uns nicht dafür öffnest. Gib uns Geduld und Beständigkeit, die so schnell zu erschüttern sind und so rasch zu ver- unsichern. Lass uns gehorsam deinem Wort folgen und unsere Eigenwilligkeit deinem Willen unterordnen. Amen Herr, unser Gott, Auch wenn kein Blut an unsern Händen klebt Und wir nie vor einem Richter stehen mussten, wer könnte reinen Gewissens denn sagen. ich kenne keine Sünde, ich bin ganz ohne Schuld, ein Leben ohne Fehl und Tadel, die Weste immer blü- tenrein. Wer würde das wagen. Nein, wenn wir ehrlich sind, grad vor uns selbst, dann ist da manches zu gestehn und sind Dinge zu be- kennen, die wenig Ehren wert sind und mehr Grund zur Scham. Wem können wir das sagen, Gott, wem, wenn nicht dir. Herr Jesus Christus, die Welt trägt Schuld an deinem Tod, du trägst die Schuld der Welt in deinen Tod, auch meine Schuld an deinem Tod trägst du in deinen Tod. Herr, Gott, nur du kannst aus dem Tod ins Leben rufen, du allein brichst dessen Macht, nur deine Liebe reicht so weit, dass selbst der Tod auf Dauer nicht mehr trennt. Herr, erbarme Dich.

Der Menschensohn muss erhöht

werden, damit alle, die an ihn

glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3,14.15

Herr Jesus Christus Die letzten 24 Stunden Deines Lebens sind ange- brochen. Nur einmal noch wird für Dich die Sonne aufge- hen, bleich vor Zorn, in fahlem Licht. Und wenn sie untergegangen sein wird, ist Deine Welt zerbrochen. Das Haus Deines Vaters wirst Du nicht mehr von innen betreten, auf Dich warten heute Nacht der Hof des Hohenpriesters und das Verlies unterm Palast von Pontius Pilatus. Man wird Dich gefangen nehmen und Du wehrst Dich nicht. Du wirst vor ihr Gericht gezerrt und bist schon jetzt verraten und verkauft. Du wirst im Stich gelassen von allen, die Dir folgten, und keine Hand ist da, die sich noch für Dich rührt. Man wird Dich foltern und Du lässt es geschehen. Du wirst ein Kreuz durch die Straßen Jerusalems schleppen, in dem sich alles Leid und alle anderen Kreuze bündeln und unter seiner Last brichst Du zusammen. Du trägst Dein Kreuz hinauf nach Gol- gatha, man hängt Dich auf am Schandmal, das nur Sklaven vorbehalten war und Terroristen. Neun Stunden dauert diese Qual, dann wirst Du sterben. Von der Welt und Gott verlassen. Was nützt es da noch, dass im Tempel der Vorhang mitten durch reißt, dass die Sonne sich verfinstert und die Erde bebt? All das wird bald geschehen, doch vorher wirst Du Gott ums Leben bitten und dass der Kelch an Dir vorüber geht. Du hattest Angst, das können wir verstehen. Und doch wirst Du am Ende des Gebe- tes Dich in Gottes Willen fügen und geschehen lassen, was er für Dich bestimmt hat. In dieser Nacht hast Du mit Deinen Jüngern das Passah- mahl gefeiert, hast Brot verteilt und Wein herum- gereicht, und beides, Brot und Wein auf Dich bezogen. Du bist das Lamm, das für die Schuld der Welt geopfert wird, und fortan alle Opfer überflüssigmacht, mit denen Gottes Zorn besänf- tigt werden soll. Um dieser Nacht vor Deinem Tode zu gedenken, sind wir hier. Versammelt, um wie die Jünger da- mals von Dir bedient zu werden mit einem Bissen Brot und einem Schlückchen Wein. Wir bitten Dich: komm Du in unsere Mitte, damit das, was wir teilen, reicht, um allen Hunger, allen Durst zu stillen. Wir bitten Dich: Sei nah, sei da. Liedmeditation 1. Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn. Das Kreuz als Symbol so sehr vertraut, dass seine Anstößigkeit und bitterschwere Last dahinter verschwindet. Wer ans Kreuz gehängt, am Kreuz gehenkt wurde, galt als verachtenswert und verabscheuungswürdig. Die unterste Schublade, noch im Tod mit dem Etikett versehen: Schlimmer als alle anderen, die des Todes sind. Sklaven brachte man auf diese Weise um. Und Aufrührer, Terroristen. Ein Fluch lag auf dem, der am Holz hing, selbst im Todeskampf kein Mitleid. Wie kann sich Fluch in Segen wandeln, wie kann eine finstere Richtstätte Tür zum Him- mel werden? Aus dem Schandmal wird der Lebensbaum, der schwere, gute Frucht trägt. Unheil gebiert kein neues Unheil, Gewalt keine Gegengewalt. Die Hassspirale dreht sich nicht weiter. Böse Tat mit schlimmer Folge triumphiert am Ende nicht. Am Ende: der Hass besiegt, der Gewalt widerstan- den. Am Ende nicht Tod, sondern der Tod an sein Ende gekommen. Wie ist das möglich? Trennung nicht auf ewig und immer, Abgrund nicht bodenlos, sondern durchkreuzt, Gott und Mensch versöhnt, der Mensch nicht mehr des Menschen Wolf? Unmöglich, urteilt die Vernunft, unmöglich, spottet die Erfahrung, unmöglich, flüstern selbst Phantasie und Sehnsucht. Ach, Herr, erbarme Dich. 2. Wollen wir Gott bitten, dass auf unsrer Fahrt Friede unsre Herzen und die Welt bewahrt. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn. Auf der langen Reise, die wir Leben nennen, wer- den wir immer wieder, Tag für Tag, eines Anderen gewahr: Im Nahen Osten – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im reichen Westen: Konkurrenz belebt das Ge- schäft, nur die Starken werden überleben. Der tiefe Süden: ein Trauerspiel. Allein im Kongo frisst der Bürgerkrieg Millionen Menschen. Und die Welt blickt weg. Vor der Haustür, in unseren Familien, im eigenen Herzen: Regieren da Frieden, Sanftmut, Güte, Langmut, Freundlichkeit, Versöhnung? Wir wissen doch: Einmal aufgerissene Gräben bleiben bestehen, einmal geschlagene Wunden bleiben offen, einmal erlittene Enttäuschung hinterlässt tiefe Spuren. Ach, Herr, erbarme Dich 3. Denn die Erde klagt uns an bei Tag und Nacht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, laß uns auferstehn. Passion – auch heute leiden Menschen. Das Leid der Menschen klagt an, Blut schreit zum Himmel. Und die Welt ist nicht sauber zu teilen zwischen Opfern und Tätern.
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018
Vielleicht haben wir vergessen, dass Gott uns gar nicht nackt in eine kalte Welt gestoßen hat. Wie heißt es so schön, am Ende der Paradiesge- schichte: Gen 3, 21: Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Gott wärmt uns, ist fürsorglich und freundlich, lässt uns nicht im Regen stehen. Es heißt da auch nicht, dass Gott sich in seinen Pa- radiesgarten hinter verschlossene Türen zurück- zog und uns in der Welt alleine ließ. Er geht doch mit! Steigt ein in seine Geschichte mit den Menschen, läuft durch Wüsten und klettert auf Berge, über- quert mit uns den Jordan und reitet ein in Jerusalem. Mich tröstet das sehr. Vielleicht ist dies eine gute Zeit sich bewusst zu machen, in welche Gnade Gott uns hüllt, wenn die Selbstsicherungsmaßnahmen gefallen sind. Er wird an unserer Seite bleiben. Ein zweiter Gedanke: Als Jesus in Jerusalem einzieht, geht es um ein ganz anderes Ausgeliefert sein, als wir es z.Z. empfinden. Unser Eindruck ist doch, dass es nicht wirklich in unserer Hand liegt, ob wir uns anstecken oder ob wir verschont bleiben. Selbst Vorsichtsmaßnahmen bieten keine Garantie für Gesundheit. Als Jesus in Jerusalem einzieht, liefert er sich frei- willig aus, wählt für sich den Tod – unabwendbar, in aller Konsequenz. Noch reitet er über unsere Mäntel, am Freitag wer- den sie um sein Gewand würfeln. Nackt wird er am Kreuz hängen, in seinen Folter- qualen auch noch den obszönen Blicken preisgegeben. Noch rufen ihm die Menschen ihr Hosianna zu – übersetzt: Hilf uns, Herr – am Freitag wird er am Kreuz seine eigne Hilflosigkeit und Gottverlassen- heit herausschreien. Er hätte einen großen Bogen um Jerusalem ma- chen können, hätte seine Aktivitäten in den Untergrund ver- lagern können, nach Indien weiterwandern… Stattdessen wählt er den Weg, an dessen Ende sein Sterben stehen wird. Für mich verkündet er damit die Botschaft: Ich entzieh mich nicht, wenn’s eng für mich wird. Ich steh zu dem, was ich Euch gesagt hab. Ich bin der Verlässliche, der – komme, was da wolle, an Eurer Seite bleibt, Ich weiche Euren Bosheiten aber auch eurer Not nicht aus, Ich durchleide mit euch Euer Menschenschicksal und nehme euch mit vom Tod ins Leben. Ich glaub nicht, dass er das angstfrei getan hat - je- denfalls schwitzt er im Garten Gethsemane Blut und Wasser. Er tat es, um uns zu ermöglichen, ein neues Menschsein (Eph 4, 24) anziehen zu können, das uns in Gotteskindschaft kleidet im Leben und im Sterben. Mir dient das zum Trost! So stelle ich mich dann doch hin und winke Jesus zu: Komm, kehr bei uns ein!! AMEN Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN Herzliche Grüße aus Essen nach Walsum Ihre Carolin Reichart

Lesung Lk 19, 28-40

Jesu Einzug in Jerusalem

Ihr Lieben, Palmzweige zur Hand, die Kleider auf den Boden und das Hosianna auf die Lippen – lasst uns „Jesus den Weg bereiten“ Mit diesen Worten sollte meine Palmsonntagpre- digt beginnen – jedenfalls in der Version, die ich vor der Corona-Krise geschrieben hab. Da ging ich noch davon aus, dass wir gemeinsam und dicht gedrängt den Weg säumen, auf dem Jesus einreitet. Ich hab beschrieben, wie wir freiwillig die Mäntel von den Schultern streifen, um ihm Zeichen des Willkommens zu senden. Jetzt ist die Situation eine ganz andere. Niemand steht winkend am Straßenrand. Reisen sind untersagt – wahrscheinlich wären die Stadttore Jerusalems geschlossen – es herrscht Versammlungssperre. Für mich war die abgelegte Kleidung eine Chiffre dafür, dass ich mich aller Selbstdarstellungsre- quisiten entledigen muss, um echt und wahrhaf- tig, ohne Schutzschilder oder Masken Gott begegnen zu können. Jetzt grassiert ein Gefühl der Schutzlosigkeit, das so heftig wird, dass alle nicht nur den Mantel enger um sich legen, sondern am liebsten noch Kittel über ihre Kleidung ziehen würden, viele nur mit Einmalhandschuhen einkaufen gehen, ein Mundschutz vor dem Gesicht. Menschen fühlen sich der Situation völlig ausgeliefert. Wer weiß denn schon, ob er angesteckt ist, ob sie’s vielleicht unbemerkt überstanden hat, als sie neulich öfter mal husten musste. Darf ich meine Kinder, die zu Besuch kom- men noch umarmen? Bin ich geschützt, wenn ich nicht vor die Tür gehe, oder sitzt der Virus auch auf dem Um- schlag, den ich grad aus dem Briefkasten ge- zogen hab? So viel Verunsicherung. Unsere Kleider liegen nicht wie ein roter Teppich aus, sondern scheinen uns zwangsweise genom- men, bieten nicht länger Geborgenheit und Schutz, Sicherheit und Heimat. Wir alle stehn im Hemd. Keinen Kragen, den wir gegen den steifen Wind hochschlagen können keine Ärmel zum Hochkrempeln, Plötzlich merken wir, dass wir unter unseren An- zügen und Kostümen, unter Blaumann und Kit- telschürzen – alle nackt sind – von einem kleinen Virus zu Fall zu bringen. Dazu zwei Gedanken: Erinnert Ihr Euch an Adam und Eva, als sie das Paradies verspielt hatten. Vor Ihnen lag nicht län- ger ein grünender Garten. Sie fühlten sich hin- ausgestoßen in ein steiniges Land voller Dornengestrüpp, das mühsam zu bestellen war. Statt eines satten Lebens, in dem wir täglich alle Waren zu Verfügung haben, in finanzieller Sicher- heit leben, eine Sozialgesetzgebung haben, die jedem eine Grundversorgung garantiert, plötzlich Angst um unsere Vorräte, für alle Freiberufler und Selbstständigen tat- sächliche Existenzgefährdung, unsere Gesundheit stündlich in Frage gestellt. Fühlt sich so die Vertreibung aus dem Paradies an? Mir wird so bewusst, wie gut wir es hatten und immer noch haben – in einem der reichsten Län- der der Welt mit einem der best ausgestatteten Gesundheitssysteme.
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden