Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Tot ist tot, keiner kam je zurück. Wenn das nicht mehr gilt, was ist dann noch sicher? Wenn nicht mal mehr dem Tod zu trauen ist, dem einzig Gewissen im Leben, worauf soll dann noch Verlass sein? Am Ende nackt wie am Anfang, darauf läuft’s raus Von wegen: Gott gleich – zum Bettler macht dich dein letztes Hemd. Alle, unterschiedslos jeden – Wenigstens das ist ein Trost. „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Das spottet aller Erfahrung, bleibt Torheit und Ärgernis, nicht nur für Griechen und Juden. Auch für alle anderen Herrschaften, die keinen Gott dulden. Ein Schlag ins Gesicht derer, die sich ihr Bild von Gott gemacht haben und denen der Gott Jesu nicht ins Bild passt. Bleibt Widerspruch und Gegensatz zum Lauf der Welt, in der nichts bleibt und alles auf den Tod zuläuft. Wer also ist dein Herr? Wem beugst du dich? Wen fürchtest Du? Wem schuldest du Gehorsam? Durch wen lässt du dich leiten? Sind diese Fragen nicht längst beantwortet durch die tagtägliche Praxis? Eine autonome Vernunft weiß sich niemandem verantwortlich, was denkbar ist, muss auch machbar sein. Profit ist die Triebfeder allen Handelns, Beziehungen werden daran gemessen, was es mir bringt. Gebote, die Grenzen setzen? – Sorry, aber wohl noch nie was von Globalisierung gehört. Ein Hedonismus, der alles erlaubt, wenn‘s nur gefällt Wer ist dein Herr im Leben und im Sterben? Bist du es selbst? Ist es der Tod? Oder am Ende doch Gott? ER aber bleibt und mit ihm bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Das ist die Botschaft der Bibel. Weil Gott gesprochen hat und spricht, GOTT und nicht der Mensch, ist Bleibe und nicht Tod. „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Ein Wort auf Treu und Glauben. Nur dadurch zu haben, dass du hinhörst, gehorsam ausharrst und dich beugst vor dem, der spricht: „Fürchte dich nicht!“ Wer Recht hat und Recht behält, entscheidest nicht du, ist längst entschieden ohne dein Ja oder Nein. Der dich ins Leben rief, ohne vorher Dein Einverständnis einzuholen, der lässt sich das Wort nicht verbieten. Nicht über dich und über niemand sonst. Wo Gott spricht, schweigt auch der, der alles sonst zum Schweigen bringt. Der Tod kann nur nehmen, nichts geben, kann nur beenden, aber nichts vollenden, nur abbrechen, aber nichts neu schaffen. Kann nur NEIN sagen. Und unterscheidet sich darin von Gott, dessen erstes und dessen letztes Wort JA ist. Bejahung statt Verneinung. Was sich zwischen Karfreitag und Ostersonntag abgespielt hat, wie Gott dem Tod, den er in Kauf nahm, die Zähne gezeigt hat, sodass er die Macht für immer verloren hat, werden wir nie verstehen, niemals ermessen und schon gar nicht beweisen können. Dies Geschehen liegt nicht in unserer, sondern in seiner Hand. Das hat zwar mit uns zu tun, aber wir haben da nichts zu tun. Es ist ganz allein Gottes Sache gewesen, diese Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Du, Menschlein richtest nicht darüber. Gib dich zufrieden damit, dass der Tod gerichtet ist, ein für allemal. Und beug dich Gottes Urteil. Nimm an, was dir angeboten ist: Leben trotz Tod. Einen Tod, der dich nicht von Gott trennt. Und weil der dich von Gott nicht scheidet, kann es auch deine Schuld, die Ursache aller Trennung, nicht mehr. Auch sie ist gerichtet, auch sie wurde ans Kreuz getragen. Und weil dies nicht allein für dich geschah, sondern auch für deinen ärgsten Feind, bist du mit ihm durch Christi Versöhnung verbunden. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Sein Weg führt weiter, sein Leben hat kein Ende. Auf der Strecke bleibt der Tod, entmachtet, erledigt, vorläufig nur. Endgültig dagegen Gottes Liebe. Nur sie zählt am Ende, nur sie behält das Recht über Dich. Mach dich mit ihm auf den Weg. Lass das Grübeln. Frag nicht, wie dass Grab leer wurde. Sondern lebe, weil das Grab Christus leer wurde. Lass dich auf den Lebendigen ein, gib ihm Raum und Wort. Er ist auferstanden. Er ist der Herr und niemand sonst. Er lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. In ihm ruht das Leben. In ihm ruht Dein Leben. In Zeiten von Corona und auch danach. Amen

Ostermontag

Es geht um Leben und Tod, sagt der Politiker. Die Gefahr ist noch nicht vorüber, warnt der Virologe. Abstand halten, rät gesunder Menschenverstand. Verzichten kann nur, wer was hat, weiß die Rheinische Post. Wir müssen und einschränken und auf manches verzichten. Unser Alltag hat ein anderes Gesicht bekommen, verständlich, wenn im Kopf kaum Platz für was Anderes ist. Heute das Nötige tun, ja sicher. Vorsicht, Rücksicht, Distanz, na klar. Und trotz Abstand in Anstand verbunden bleiben. Darum geht’s. In Zeiten von Corona und auch danach. Wir spüren, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie kostbar jeder neue Tag, wie dünn das Eis der Selbstverständlichkeiten. Mag sein, dass der eine oder die andere von uns in 2020 die Osternachricht mit anderen Ohren hört als noch im letzten Jahr. Es geht ja um Leben und Tod. Markus schreibt im 16. Kapitel seines Evangeliums: Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hin zu gehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich. Ein leeres Grab. Der darin lag, ist nicht mehr dort, wo alle Wege enden. Trauernde Frauen bekommen zu hören: „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten“ „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ O Gott, Nicht genug, dass sie Jesus verloren hatten. Und mit seinem Tod alle Träume von einem Leben im Reinen mit Gott, im Shalom, der allen galt, und nicht nur denen, die immer schon den Platz an der Sonne für sich reklamierten. Nicht genug, dass sie ihren Herrn zum Schweigen gebracht hatten und Totenstille in die Herzen gekrochen war. Aber dass nun auch der Tote weg war, nicht einmal Trauer mehr möglich, weil der Ort für die Tränen, die Stätte des Gedenkens leer und verlassen war, das war so ungeheuerlich wie die Begründung für das Verschwinden des Leichnams: „Er ist auferstanden.“ So schrecklich sein Ende und so schmerzlich der Verlust, aber hatte das nicht Welt wieder ins Lot früherer Tage gebracht? Am Schluss hat eben der Starke das Sagen und wer die Macht hat, nimmt sich das Recht. Also zurück in den Alltagstrott, um eine Illusion ärmer und mit dem Zugewinn bitterer Erfahrung, welchen Preis es hat, wenn Du den Kopf zu weit aus dem Fenster lehnst. Das konnte nicht gut gehen: die Welt auf den Kopf stellen und Gott Hand und Fuß geben. Das konnte nicht gut gehen: der Himmel auf Erden, und Gott zum Greifen nah. Das konnte nicht gut gehen, denn Ordnung muss sein. Ein Oben und ein Unten, die Kästchen mit den Guten und Bösen, Befehl und Gehorsam. Ist doch überall und war schon immer so: Der Kuchen ist aufgeteilt, die Rollen sind festgelegt, besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, gib dich zufrieden mit dem, was du hast. Vorsicht statt Rücksicht. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Der Rubel muss rollen. Wo kämen wir denn hin, wenn die Verhältnisse ins Rutschen gerieten. Das konnte nicht gut gehen. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ Ist das zu fassen in Menschenwort, durch Menschenverstand, Irgend je gedeckt durch Erfahrung Oder früheres Zeugnis? Wie denn, wo alles zerbricht und alles zurückfällt, was im Lauf eines Lebens gedacht und gesagt und getan wurde. Der Tod: unvermeidliches Ende, unüberwindbare Mauer, Grenze aller Erfahrung. Weder Vernunft noch Phantasie reichen nicht hin, um einen Blick hinüber zu werfen.
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018
Liebe Online-Gemeinde, Ich grüße Sie alle sehr herzlich, wo immer Sie diese Internet-Predigt auch lesen. In Zeiten von Corona wünschen wir uns Schutzengel. Für uns, für unsere Familien, für unsere Nachbarn. Ich möchte deshalb über einen Film erzählen, den der vielfach ausgezeichnete Regisseur Wim Wen- ders gemacht hat. Für ihn sind Engel eine Quelle unerschöpflicher Phantasie. Nun sind die wenigs- ten von uns in der Filmbranche tätig, aber bei die- sem Thema können wohl alle mitreden, jeder und jede mit eigenen Bildern und Vorstellungen im Kopf. Flügel müssen sie haben, sollen ja pfeilschnell an Ort und Stelle sein, wenn sie gebraucht werden. Und aller Sprachen mächtig sein, schließlich müs- sen sie überall auf der Erde verstehen, was die Menschen beschäftigt. Engel altern nicht, sie schreiten durch die Zeiten. Nicht selten in Einheitsrobe, lange, wallende Ge- wänder, natürlich in weiß, der Farbe der Unschuld. Engel kommen schwebend daher wie Schneeflo- cken, der Traum ist ihr bevorzugtes Spielfeld. Engel sind fleischlos und gehen durch dickste Mauern. Engel haben kein Eigenleben, spielen weder Skat noch entspannen in Hängematten, sind eigentlich immer im Dienst. Ihr Dasein besteht im Erfüllen von Aufträgen und Ausüben wichtiger Funktionen, sie sind selbstlose Wesen, ohne eigene Identität und Interessen. Engel sind nicht weisungsgebunden, was mensch- liche Wünsche oder Erwartungen betrifft, sondern Boten aus einer anderen Welt. Engel sind in der Regel unsichtbar, auch wenn ihre Abbilder Friedhöfe, Siegessäulen oder Kirchen- pforten schmücken. Wir kennen den Schutzengel und auch den Ra- cheengel, haben von Erzengeln gehört und von den gefallenen Engeln, es gab sogar einen Fußball- spielenden blonden Engel (auch wenn das nur ein Mensch namens Bernd Schuster war und in Diens- ten von Real Madrid stand). Liebe Gemeinde, das soll für den Einstieg reichen. Das Weitere überlasse ich Ihnen und Ihrer unerschöpflichen Phantasie. Ich möchte ja noch ein bisschen Zeit haben, um vom „Himmel über Berlin“ zu erzählen. Der Film spielt in der Nachkriegszeit, noch ist die Stadt geteilt, noch zieht sich die Mauer mit Sta- cheldrahtzaun und Todesstreifen wie eine hässli- che Narbe quer durch Berlin und trennt die Menschen im Westen und Osten. Trümmergrund- stücke, ödes Brachland mitten in der Stadt, Kriegs- ruinen, Mietskasernen. Nur der graue Himmel über der Stadt ist unteilbar. Und der gehört nicht Ost oder West, sondern den beiden Engel Cassius und Damiel. Besondere Engel. Sie verliren ihre Flügel, wandern in langen Mänteln unsichtbar durch die Straßen und Häuser der Stadt, beobachten alles, hören zu, bleiben stumme Zeugen, die in das Geschehen um sie herum nicht eingreifen. Mehr als eine Hand auf die Schulter oder den Kopf der Menschen, die davon gar nichts mitkriegen, haben sie nicht zu bieten. Auf ihrem Gang durch Berlin nehmen sie uns mit in eine Welt, in der die Menschen mit ihren Sorgen, Problemen und Ängsten allein schei- nen. Man sieht durch Fenster in trostlose Woh- nungen, blickt in der U-Bahn in leere Gesichter, streift durch eine Bibliothek, in der gepaukt wird, notiert Gesprächsfetzen und unverständliches Ge- murmel auf der Straße. Schließlich tauschen sich Cassius und Damiel, die beiden Hauptfiguren, über ihre Eindrücke aus, schildern Miniaturaufnahmen vom Leben in Berlin. „Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein was geis- tig ist zu bezeugen.“ sagt Damiel am Ende. „Aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zuviel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüber schweben. Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, dass die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß jetzt und jetzt und nicht mehr je und in alle Ewigkeit sagen.“ Ein Engel will ins Leben, träumt vom Füttern der Katze am Feierabend, vom Fieber einer Erkran- kung, von schwarzen Fingern beim Durchblättern frisch gedruckter Zeitungen, vom Füße ausstre- cken unter dem Tisch, träumt von den tausend tagtäglichen Kleinigkeiten, die für uns nicht der Rede wert sind, träumt den Traum vom Leben in Fleisch und Blut. Sich nicht nur von Geist begeistern lassen, son- dern von einer Mahlzeit. Ach und oh und ah und weh sagen können statt immer nur ja und amen. Endlich hinaus in die Welt jagen. Weg mit der Welt hinter der Welt. Sein Gegenpart hört zu, nicht ohne Sympathie, teilt die Begeisterung seines Kollegen jedoch nicht. „Allein bleiben, geschehen lassen, ernst bleiben...nichts weiter tun als anschauen sam- meln, bezeugen, beglaubigen, wahren, im Geist bleiben, im Abstand bleiben, im Wort bleiben...Cassius wird sich nicht ins Leben ziehen lassen, „denn nichts davon wird wahr sein“, pro- phezeit er skeptisch, und doch ist er Damiel bei dessen Eintritt in die Welt der Irdischen behilflich.. Es ist sicher kein Zufall, dass der letzte Schritt vor Damiels himmlischer Absturz ins irdische Leben im Todesstreifen an der Mauer spielt. Damiel weiß, welchen Preis er für seinen Entschluss zah- len wird. Seine Tage werden begrenzt sein, er wird Schmerzen spüren, verletzlich werden, übers Ohr gehauen, aber auch die Neugier und das Staunen entdecken, wird Sehnsucht im Herzen tragen und auf der Suche nach einer großen Liebe bleiben. Eins ist nicht ohne das andere zu haben. Wider- sprüche aushalten müssen und dennoch die Hoff- nung nicht aufgeben, am Anderen leiden und den Anderen brauchen wie Luft zum Atmen, Lust emp- finden und Trauer über Abschiede spüren, feiern im Wissen sterblich zu sein. Und plötzlich kommt Farbe in den Film, wechselt er vom tristen schwarz-weiß in bunte Bilder. Und es ist so, als ob ein tief hängender Wolkenvorhang plötzlich aufreißt und die Sonne ihr Licht über die Erde Leben gießt. Eine Liebeserklärung ans Leben, ohne dessen be- drückende, traurige Seiten dabei auszublenden oder zu verdrängen. Bilder von Krieg und Terror, von öder Leere, vom Leid der Opfer, der Ratlosig- keit aus der Zeit Gefallener, der Wut miteinander Streitender. Und daneben: Schönheit, Leichtigkeit, Jugend, Fest und Feier, Kinder im Spiel, ein kauzi- ger Schauspieler, der Anteil nimmt, Damiel hilft und später entlarvt wird. Auch er ein früherer Engel, der den Himmel zugunsten der Erde verließ. Können Menschen füreinander Engel werden? Sie können es, sagt der Himmel über Berlin. Kön- nen es, wenn und weil sie das Wunder der Liebe entdecken. Damiel hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt einen kleinen Wanderzirkus entdeckt, der vor der Pleite steht und sich auflösen muss. Als unsichtba- rer Gast besucht er die Abschiedsvorstellung und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion, die fe- derleicht unter der Zirkuskuppel schwebt und schaukelt, hört ihren Gedanken zu, ist hingerissen von ihrem Lebensmut, ihrer Zuversicht, ihrer Ju- gend und Schönheit. Doch als er erneut den Zir- kus besuchen will, findet er nur noch den verlassenen Sandkreis der früheren Manege. Er macht sich auf die schwierige Suche, im Dschungel der Metropole, unter Tausenden von hin und her Hastenden die eine wieder zu entde- cken, ist ja kein Engel mehr, der aus himmlischen Höhen herabschaut, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher, der sein Glück sucht. Und am Ende findet. Sehnsucht findet Erfüllung. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt, sie hat mich heimgeholt und ich habe heimgefunden, wird Damiel später sagen. Es war einmal und also wird es sein. Das Bild, das wir gezeugt haben, wird das Bild meines Sterbens sein. Ich werde darin ge- lebt haben. Erst das Staunen über uns zwei hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß. Ihr Lieben, Ob die Aufgabe von Engeln möglicherweise darin besteht, Aufmerksamkeit für die Einmaligkeit, die Kostbarkeit, die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Geschenks zu wecken, das wir Leben nennen? Ob die Tatenlosigkeit der beiden im Himmel über Berlin uns am Ende lehren will: Ihr selbst steht in der Verantwortung, Euer und anderer Leben zu schützen, die Liebe zu verteidigen, den Schmerz auszuhalten, einander beizustehen, Trost zu spen- den, Unerträgliches tragen zu helfen. Sollte es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Verwandlung vom Engel zum Menschen eine Lie- beserklärung ans Leben ist, ein Lobpreis aufs Menschsein trotz aller Wunden, die geschlagen werden, trotz Schatten tiefer Täler, trotz des un- vermeidlichen Todes? Und wenn die Liebe die Kraft besitzt, aus Engeln Menschen zu machen, sollte sie es dann nicht auch schaffen, dass Menschen einander zu Engeln werden? Wim Wenders „Himmel über Berlin“ verliert nicht ein einziges Wort über Gott. Die Engel sind keine Boten, die den Menschen in seinem Auftrag etwas zu sagen haben. Sie können den Alltag der Welt nicht steuern, können durch Zauberhand kein Un- heil verhüten, sind weder Tröster noch Ratgeber oder Beschützer. Aber weil einer von ihnen sein ewiges Engelsein gegen die Menschwerdung eintauscht, weil er das irdische Leben so sehr liebt, dass er dafür auch den Tod in Kauf nimmt, lehren diese Engelge- schichte einen Blick, der oft verloren zu gehen droht, lehrt tiefe Wertschätzung für das irdische Dasein. Und setzt so ins Bild, was im Korinther- brief des Apostel Paulus unter der Überschrift „Das Hohe Lied der Liebe“ aufgeschrieben ist. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen re- dete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tö- nendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Und ein paar Zeilen später: Die Liebe hört niemals auf, wo doch das propheti- sche Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser pro- phetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich er- kennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden