Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Erzittern vor Schrecken, Furcht und Flucht, damit fing Ostern an. Ein offenes, leeres Grab, ein unfassbares Wort, Zweifel und Unglaube. Gott sei Dank, dass er es nicht dabei belassen hat. „Auferstanden von den Toten“ erst hörten wir‘s nur mit ungläubigem Ohr und zweifelndem Staunen, das kann doch nicht wahr sein, dann spürten wir‘s: eine Kraft, die uns nach oben zog, aus dem Loch der Verzweiflung hob. Das Entsetzen legte sich, die Eiseskälte wich, Licht brach in unsere Dunkelheit, wir fanden Ruhe für unsere aufgewühlten Herzen und Seelen. Das Leben geht weiter, ein banaler Satz. Sicher. Aber unterfüttert durch eine unbeweisbare Behauptung: SEIN Leben geht weiter. Jesus ist keine Figur der Vergangenheit, mehr als nur eine historische Persönlichkeit. Er ist Gegenwart. Seine Stimme: nicht zum Schweigen gebracht. Sein Glaube: nicht außer Kraft gesetzt. Sein Vertrauen, seine Zuversicht, seine Freude: spürbar, mitreißend wie damals. Begeisterung hat für uns seither einen neuen Klang: sein Geist, sein Vertrauen, seine Zuversicht, seine Freude ist in uns. „Auferstanden von den Toten“ beten wir. Obwohl wir nicht wissen wie. Und es nie wissen werden. Es bleibt ein Geheimnis, eine Angelegenheit zwischen Abba, dem Vater, und Jesus, dem Sohn. Aber Wissen und Gewissheit sind zwei getrennte Paar Schuhe. Und auf einmal waren sie wieder da, die Abschiedsworte Jesu, und wir verstanden ihren Sinn: „Ich lebe und Ihr sollt auch leben“. Der Tod hat Jesu Leben nicht bezwingen können. Er musste ihn loslassen, hergeben. „Ich lebe und Ihr sollt auch leben“ – das gilt, gilt von Gott her für uns und ihn. Jesus lebt, nicht mehr unter den Bedingungen irdischer Existenz, nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, lebt grenzenlos und uneingeschränkt, ist für uns und alle da. Wir spüren seine Nähe: im Erinnern seiner Worte und Predigten, seiner Gleichnisse und Wunder. Wir spüren seine Nähe beim Brotbrechen und Kelch teilen. Wisst Ihr noch wie er gesagt hat: Solches tut zu meinem Gedächtnis. Seine Kraft in einem Stückchen und einem Schlückchen, Weniges wird zur Genüge für alle, Anteilnahme an seinem Leben. Wir spüren ihn in unserer Gemeinschaft. Heilig ist sie, nicht weil wir bessere Menschen als andere sind. Sondern weil Sünde und Tod über uns kein Recht bekommen, sondern Gott das letzte Wort spricht. Heilig, weil Christus in ihr lebt. Seine Gegenwart ist unsere Zukunft. In diesen Tagen, wo wir Gemeinschaft vermissen und auf körperliche Nähe verzichten müssen, machen wir neue Erfahrungen. Dass wir im Abstand-Halten miteinander verbunden bleiben. Dass Grenzen auch Zugehörigkeit in neuem Licht erscheinen lässt. Dass wir durch Verzicht erkennen, wieviel wir haben. Dass wir in der Not ein Auge für die Not anderer, das Elend um uns herum gewinnen. Dass es Zeiten, Augenblicke und Situationen gibt, die nur dann ertragen und verändert werden, wenn wir uns darauf besinnen, was dem Anderen dient. Corona ist bedrohlich, ja, aber Corona sorgt auch für frischen Wind und neues Denken. Wir bleiben verbunden. Gott behüte Sie. Gesegnete Ostern Ihr Gemeindepfarrer Heiko Dringenberg

Ostersonntag 2020

„Ich lebe und Ihr sollt auch leben.“ Das bringt die Osterbotschaft auf den Punkt. „Ich lebe und Ihr sollt auch leben.“ Kürzer und knapper lässt sich nicht sagen, was die Welt von Grund auf verändert hat und für alle Zeit gilt. „Ich lebe und Ihr sollt auch leben.“ Sieben Worte voller Trost, sieben Worte über Gottes Willen, sieben Worte der Güte und der Macht. Leben. Nicht Tod. Leben ohne Furcht. Leben jetzt. Hier. Nicht erst nach Sankt Nimmerlein. Ein Satz über uns und IHN, über seine Gegenwart und unsere Zukunft. Sieben Worte. Mehr nicht. Genug, um Sehnsucht zu stillen und Hoffnung zu wecken. Sieben Worte, die bleiben und Bleibe bieten. „Ich lebe und Ihr sollt auch leben.“ Sieben Worte aus Jesu Mund. Mehr nicht. In ihnen steckt Ostern. Liebe Gemeinde, Johannes hat sie aufgeschrieben, diese Worte, und in seinem Evangelium für Spätere bewahrt. Johannes: Verbannt auf die Insel Patmos, doch nicht verbittert. Hochbetagt, aber ungebrochen und voller Kraft. In Gedanken an längst vergangene Tage versunken, ohne das Heute aus dem Blick zu verlieren, geistesgegenwärtig in jedem Augenblick, der Nähe seines Herrn gewiss. Johannes: Allerletzter Augenzeuge jener wunderbaren Jahre, in denen der Himmel offenstand und nicht nur den Spatzen gehörte. Einer aus der Habenichts-Truppe, denen die Erde gehörte, weil sie mit Jesus zogen. Lieblingsjünger, dem der Rabbi seine Mutter anvertraute, als alles zu Ende schien und wenige Tage später dann alles ganz neu begann. Johannes notiert verwehte Worte, in geistgewirkter Erinnerung schreibt ers nieder, und spürt im Wiederfinden dieser alten Sätze die Nähe jenes Trösters, den sein Herr verheißen hatte. Ich lese Verse aus dem 14.Kapitel des Evangeliums: Jesus spricht: 16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. 18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. 20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Johannes blickt vom Strand aufs Meer in Richtung Mittag, wo hinterm Horizont das Land liegt, das sein Zuhause war. Und vor seinen Augen spielt sich nochmal jenes Leben ab, das gänzlich anders war als der gewohnte Alltag, so federleicht wie bodennah, frei und unbesorgt und jugendfrisch. Sieht den kleinen Kreis der Freunde, dem alles Glück der Welt beschert war, beseelt vom Mann in ihrer Mitte, für den Gott Abba war. Abba, Papa, sagen Kinder. Später kommt dies Wort nur noch verstohlen über unsere Lippen, wir wollen nicht mehr ewig Kinder bleiben. Der Mann aus Nazareth dagegen bewahrte eine Kindlichkeit, die unser Herz berührte, sein Leben war prallvoll mit Vertrauen, mit Zuversicht, Glück und Gelassenheit. Es lehrte uns den neuen Blick auf Gott und Mensch. Er pries die sanften Mutes, hieß Leidende selig und nannte Friedensstifter Gottes Kinder, rief auf, fröhlich zu sein und ganz bei Trost zu sein. Das waren wir, noch heute, nach all den langen Jahren spüre ich, wie uns seine Worte stärkten, ermutigten, veränderten. Wir besaßen nichts und hatten alles. Wir lebten von der Hand in den Mund, und es störte niemanden, jeder Tag mit Ihm belebte uns, niemals zuvor war unser Leben so lebendig. Der alte Mann auf Patmos steigt in Gedanken tief hinab in jene Tage und Jesu Worte dringen wieder an sein Ohr, Abschiedsworte waren es, was damals niemand aus dem Jüngerkreis verstand. Er sprach davon, uns nicht verwaist zurückzulassen. Das wollte nicht in unsern Kopf. Warum verwaist, allein, wir hatten ihn doch mitten unter uns. Wir teilten Brot und Wein und feierten mit Lamm das Passahfest. Da denkst Du doch nicht an Abschied, nicht im Traum an das, was dann geschah. Wie sich von einem auf den andern Tag die Dinge drehten, wie aus dem Hosianna das „Kreuzigt ihn“ wurde. Wir rannten weg, in Panik, alle Zuversicht spurlos dahin. Nur weg, diktierte uns die Angst, von unserm Glauben blieb nicht mal ein Funken übrig. Die Mächtigen hatten ihr blutiges Zepter aufgerichtet, den Daumen nach unten gesenkt, dem Tod das Handwerk überlassen und den zum Schweigen gebracht, der Worte des Lebens hatte. Und dann war sein Leben, die Mitte unseres Lebens, ausgelöscht, er wurde weggetan. Es war aus, alles war aus und vorbei. Kein Trost, dass die Erde vor Zorn erbebte, und die Sonne vor Trauer allen Glanz verlor und mitten im Tempel der Vorhang zerriss. Schreckliche Stunden, Einsamkeit, Verlassenheit, Finsternis, Tod. Verwaist, getrennt von den Lebenden, mit mehr als einem Bein im Grab. Am dritten Tag dann eine nie erwartete Wende. Die Nachricht aus dem leeren Grab traf uns wie ein Blitz, erschütterte uns heftiger als das Beben zwei Tage zuvor, Entsetzen bei den drei Frauen, die es zu hören bekamen: „Was sucht Ihr den
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Liebe Online-Gemeinde, Ich grüße Sie alle sehr herzlich, wo immer Sie diese Internet-Predigt auch lesen. In Zeiten von Corona wünschen wir uns Schutzengel. Für uns, für unsere Familien, für unsere Nachbarn. Ich möchte deshalb über einen Film erzählen, den der vielfach ausgezeichnete Regisseur Wim Wen- ders gemacht hat. Für ihn sind Engel eine Quelle unerschöpflicher Phantasie. Nun sind die wenigs- ten von uns in der Filmbranche tätig, aber bei die- sem Thema können wohl alle mitreden, jeder und jede mit eigenen Bildern und Vorstellungen im Kopf. Flügel müssen sie haben, sollen ja pfeilschnell an Ort und Stelle sein, wenn sie gebraucht werden. Und aller Sprachen mächtig sein, schließlich müs- sen sie überall auf der Erde verstehen, was die Menschen beschäftigt. Engel altern nicht, sie schreiten durch die Zeiten. Nicht selten in Einheitsrobe, lange, wallende Ge- wänder, natürlich in weiß, der Farbe der Unschuld. Engel kommen schwebend daher wie Schneeflo- cken, der Traum ist ihr bevorzugtes Spielfeld. Engel sind fleischlos und gehen durch dickste Mauern. Engel haben kein Eigenleben, spielen weder Skat noch entspannen in Hängematten, sind eigentlich immer im Dienst. Ihr Dasein besteht im Erfüllen von Aufträgen und Ausüben wichtiger Funktionen, sie sind selbstlose Wesen, ohne eigene Identität und Interessen. Engel sind nicht weisungsgebunden, was mensch- liche Wünsche oder Erwartungen betrifft, sondern Boten aus einer anderen Welt. Engel sind in der Regel unsichtbar, auch wenn ihre Abbilder Friedhöfe, Siegessäulen oder Kirchen- pforten schmücken. Wir kennen den Schutzengel und auch den Ra- cheengel, haben von Erzengeln gehört und von den gefallenen Engeln, es gab sogar einen Fußball- spielenden blonden Engel (auch wenn das nur ein Mensch namens Bernd Schuster war und in Diens- ten von Real Madrid stand). Liebe Gemeinde, das soll für den Einstieg reichen. Das Weitere überlasse ich Ihnen und Ihrer unerschöpflichen Phantasie. Ich möchte ja noch ein bisschen Zeit haben, um vom „Himmel über Berlin“ zu erzählen. Der Film spielt in der Nachkriegszeit, noch ist die Stadt geteilt, noch zieht sich die Mauer mit Sta- cheldrahtzaun und Todesstreifen wie eine hässli- che Narbe quer durch Berlin und trennt die Menschen im Westen und Osten. Trümmergrund- stücke, ödes Brachland mitten in der Stadt, Kriegs- ruinen, Mietskasernen. Nur der graue Himmel über der Stadt ist unteilbar. Und der gehört nicht Ost oder West, sondern den beiden Engel Cassius und Damiel. Besondere Engel. Sie verliren ihre Flügel, wandern in langen Mänteln unsichtbar durch die Straßen und Häuser der Stadt, beobachten alles, hören zu, bleiben stumme Zeugen, die in das Geschehen um sie herum nicht eingreifen. Mehr als eine Hand auf die Schulter oder den Kopf der Menschen, die davon gar nichts mitkriegen, haben sie nicht zu bieten. Auf ihrem Gang durch Berlin nehmen sie uns mit in eine Welt, in der die Menschen mit ihren Sorgen, Problemen und Ängsten allein schei- nen. Man sieht durch Fenster in trostlose Woh- nungen, blickt in der U-Bahn in leere Gesichter, streift durch eine Bibliothek, in der gepaukt wird, notiert Gesprächsfetzen und unverständliches Ge- murmel auf der Straße. Schließlich tauschen sich Cassius und Damiel, die beiden Hauptfiguren, über ihre Eindrücke aus, schildern Miniaturaufnahmen vom Leben in Berlin. „Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein was geis- tig ist zu bezeugen.“ sagt Damiel am Ende. „Aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zuviel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüber schweben. Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, dass die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß jetzt und jetzt und nicht mehr je und in alle Ewigkeit sagen.“ Ein Engel will ins Leben, träumt vom Füttern der Katze am Feierabend, vom Fieber einer Erkran- kung, von schwarzen Fingern beim Durchblättern frisch gedruckter Zeitungen, vom Füße ausstre- cken unter dem Tisch, träumt von den tausend tagtäglichen Kleinigkeiten, die für uns nicht der Rede wert sind, träumt den Traum vom Leben in Fleisch und Blut. Sich nicht nur von Geist begeistern lassen, son- dern von einer Mahlzeit. Ach und oh und ah und weh sagen können statt immer nur ja und amen. Endlich hinaus in die Welt jagen. Weg mit der Welt hinter der Welt. Sein Gegenpart hört zu, nicht ohne Sympathie, teilt die Begeisterung seines Kollegen jedoch nicht. „Allein bleiben, geschehen lassen, ernst bleiben...nichts weiter tun als anschauen sam- meln, bezeugen, beglaubigen, wahren, im Geist bleiben, im Abstand bleiben, im Wort bleiben...Cassius wird sich nicht ins Leben ziehen lassen, „denn nichts davon wird wahr sein“, pro- phezeit er skeptisch, und doch ist er Damiel bei dessen Eintritt in die Welt der Irdischen behilflich.. Es ist sicher kein Zufall, dass der letzte Schritt vor Damiels himmlischer Absturz ins irdische Leben im Todesstreifen an der Mauer spielt. Damiel weiß, welchen Preis er für seinen Entschluss zah- len wird. Seine Tage werden begrenzt sein, er wird Schmerzen spüren, verletzlich werden, übers Ohr gehauen, aber auch die Neugier und das Staunen entdecken, wird Sehnsucht im Herzen tragen und auf der Suche nach einer großen Liebe bleiben. Eins ist nicht ohne das andere zu haben. Wider- sprüche aushalten müssen und dennoch die Hoff- nung nicht aufgeben, am Anderen leiden und den Anderen brauchen wie Luft zum Atmen, Lust emp- finden und Trauer über Abschiede spüren, feiern im Wissen sterblich zu sein. Und plötzlich kommt Farbe in den Film, wechselt er vom tristen schwarz-weiß in bunte Bilder. Und es ist so, als ob ein tief hängender Wolkenvorhang plötzlich aufreißt und die Sonne ihr Licht über die Erde Leben gießt. Eine Liebeserklärung ans Leben, ohne dessen be- drückende, traurige Seiten dabei auszublenden oder zu verdrängen. Bilder von Krieg und Terror, von öder Leere, vom Leid der Opfer, der Ratlosig- keit aus der Zeit Gefallener, der Wut miteinander Streitender. Und daneben: Schönheit, Leichtigkeit, Jugend, Fest und Feier, Kinder im Spiel, ein kauzi- ger Schauspieler, der Anteil nimmt, Damiel hilft und später entlarvt wird. Auch er ein früherer Engel, der den Himmel zugunsten der Erde verließ. Können Menschen füreinander Engel werden? Sie können es, sagt der Himmel über Berlin. Kön- nen es, wenn und weil sie das Wunder der Liebe entdecken. Damiel hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt einen kleinen Wanderzirkus entdeckt, der vor der Pleite steht und sich auflösen muss. Als unsichtba- rer Gast besucht er die Abschiedsvorstellung und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion, die fe- derleicht unter der Zirkuskuppel schwebt und schaukelt, hört ihren Gedanken zu, ist hingerissen von ihrem Lebensmut, ihrer Zuversicht, ihrer Ju- gend und Schönheit. Doch als er erneut den Zir- kus besuchen will, findet er nur noch den verlassenen Sandkreis der früheren Manege. Er macht sich auf die schwierige Suche, im Dschungel der Metropole, unter Tausenden von hin und her Hastenden die eine wieder zu entde- cken, ist ja kein Engel mehr, der aus himmlischen Höhen herabschaut, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher, der sein Glück sucht. Und am Ende findet. Sehnsucht findet Erfüllung. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt, sie hat mich heimgeholt und ich habe heimgefunden, wird Damiel später sagen. Es war einmal und also wird es sein. Das Bild, das wir gezeugt haben, wird das Bild meines Sterbens sein. Ich werde darin ge- lebt haben. Erst das Staunen über uns zwei hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß. Ihr Lieben, Ob die Aufgabe von Engeln möglicherweise darin besteht, Aufmerksamkeit für die Einmaligkeit, die Kostbarkeit, die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Geschenks zu wecken, das wir Leben nennen? Ob die Tatenlosigkeit der beiden im Himmel über Berlin uns am Ende lehren will: Ihr selbst steht in der Verantwortung, Euer und anderer Leben zu schützen, die Liebe zu verteidigen, den Schmerz auszuhalten, einander beizustehen, Trost zu spen- den, Unerträgliches tragen zu helfen. Sollte es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Verwandlung vom Engel zum Menschen eine Lie- beserklärung ans Leben ist, ein Lobpreis aufs Menschsein trotz aller Wunden, die geschlagen werden, trotz Schatten tiefer Täler, trotz des un- vermeidlichen Todes? Und wenn die Liebe die Kraft besitzt, aus Engeln Menschen zu machen, sollte sie es dann nicht auch schaffen, dass Menschen einander zu Engeln werden? Wim Wenders „Himmel über Berlin“ verliert nicht ein einziges Wort über Gott. Die Engel sind keine Boten, die den Menschen in seinem Auftrag etwas zu sagen haben. Sie können den Alltag der Welt nicht steuern, können durch Zauberhand kein Un- heil verhüten, sind weder Tröster noch Ratgeber oder Beschützer. Aber weil einer von ihnen sein ewiges Engelsein gegen die Menschwerdung eintauscht, weil er das irdische Leben so sehr liebt, dass er dafür auch den Tod in Kauf nimmt, lehren diese Engelge- schichte einen Blick, der oft verloren zu gehen droht, lehrt tiefe Wertschätzung für das irdische Dasein. Und setzt so ins Bild, was im Korinther- brief des Apostel Paulus unter der Überschrift „Das Hohe Lied der Liebe“ aufgeschrieben ist. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen re- dete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tö- nendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Und ein paar Zeilen später: Die Liebe hört niemals auf, wo doch das propheti- sche Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser pro- phetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich er- kennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden