Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Das sind keine Fragen von gestern, keine Angelegenheit vergangener Tage, sie stellen sich jeder Generation neu, sind stets aktuell. Jede Zeit hat ihre eigene Not. Aber damals, damals wurde kein Klagelied angestimmt, sondern Lobpreis gesungen: eine Hymne auf Gott, Jubel über die Güte seiner Schöpferkraft. Das setzten die Menschen der Notlage entgegen. Eine Melodie voller Leichtigkeit und Freude, Kontrapunkt zur trüben Realität, Widerspruch gegen das tägliche Leid und die Demütigung, Protest, Ausdruck und Zeugnis eines Glaubens, der Gott mehr traut als den Menschen und Mächten, als Krisen und Katastrophen, unter denen Menschen leiden. Womit tröstet der Schöpfungsbericht, wodurch richtet er wieder Hoffnung auf, welche neuen Einsichten über Gott und die Welt brechen Schneisen in die dunkle Welt der Fremde? Fünf Punkte sind zu nennen: 1. Die Welt und mein Leben verstehen sich nicht von selbst, sondern liegen im Willen des Schöpfers begründet. Dass etwas ist und nicht nichts ist („warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? „Schelling), liegt an ihm. Vor allem Anfang ist Gott, in ihm liegt aller Anfang. Er war vor der Zeit. Unsere Zeit liegt in seinen Händen. Er umfasst sie. Was dann doch auch heißt: auch nach unserm Ende ist Gott da. Das Leben verliert sich nicht an den Tod, sondern bleibt von ihm umschlossen, ruht in ihm. Israel hat in der Fremde gelernt: die Macht unseres Gottes hört nicht an den Grenzen unseres Landes auf und erschöpft sich nicht im Lauf der Geschichte. Er ist der Schöpfer der ganzen Welt und der Herr aller Geschichte. 2. Alles Helle, alles Lichte, alles Strahlen nimmt von Gott seinen Ausgang. Mitten im Chaos und angesichts ungezählter finsterer Nächte sieht der Glaube Land und Licht. Weil er nicht auf das schaut, was Menschen tun und anrichten, sondern weil er auf Gott blickt. Er macht unsere Welt und macht mein Leben hell. Unser Leben wird nicht in der Finsternis des Todes enden. „Gott ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten? Gott ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“ singt der 27. Psalm. 3. Der Mensch wird nach dem Abbild Gottes geschaffen, als Mann und Frau. Beide tragen Gottes Züge, beide verraten seine Handschrift. Gott ist sowenig männlich wie weiblich, aber alles Männliche und alles Weibliche spiegelt sein Bild. Wir können nur in Bildern von Gott reden, wissend, dass diese Bilder auch nicht annähernd sein Wesen beschreiben und unvollkommen bleiben. Unser Bild aber verdanken wir seinem Reden und Willen. Dass wir diese Gestalt und dieses Aussehen haben, liegt nicht an unserer Vorstellung, sondern an seiner. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege“ sagt Gott durch den Mund des Propheten. Es sind Gedanken des Friedens und nicht des Unheils, denn : „Ich will euch Zukunft geben und Hoffnung. Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen.“ 4. Das Urteil Gottes über die Schöpfung: Siehe, es war sehr gut. Was dem Werk seiner Hände entspringt, trägt das Prädikat: sehr gut. Unser Stöhnen und Klagen über die Schatten und Schrecken stellen uns in Frage: was haben wir mit der sehr guten Schöpfung gemacht. Was ist aus ihr durch uns geworden? Die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ darf nicht von der Frage ablenken „Warum haben wir das getan?“ Gott hat uns einen Lebensraum geschaffen, der alles zum Leben Erforderliche bereithält. Er übergibt uns die Erde. Aber damit auch die Verantwortung für sie. „Sie zu bebauen und zu bewahren“ – das ist der Auftrag. Und nicht sie auszuplündern und auf dem Altar unserer Interessen zu opfern. Corona überdeckt zur Zeit alles andere. Aber es wird eine Zeit nach Corona geben, wir werden die Seuche überstehen. Eine ganz andere Bedrohung stellt für uns die Klimakrise da. Sie bedroht nicht nur das Leben von Hunderttausenden, sondern das Leben der Menschheit insgesamt. Wir haben durch Corona gelernt, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist, und dass wir es längst nicht so im Griff haben, wie wir vermessen glaubten. Werden wir nach Corona behutsamer mit den Grundlagen unseres Lebens umgehen? 5. Gott ruht am siebten Tag. Vielleicht ist dies das größte Geschenk, was Gott dem Menschen macht. Er ruht aus und verleiht dem Menschen nicht nur das Recht zum Ausruhen, Luft holen, Feiern und Kraft schöpfen. Sondern gebietet es ausdrücklich: du sollst den Feiertag heiligen. Der Sonntag ist nicht zum Arbeiten gemacht. Wenn schon Gott eine Pause macht, wie nötig hat sie dann erst der Mensch. Sonntag und Feiertag gliedern den Rhythmus des Lebens wie Tag und Nacht. Mit welcher Dreistigkeit und mit welchem Anspruch erheben wir uns über dieses Gebot? Mit welcher Dummheit reagieren wir auf die schlichte Tatsache, dass unsere Kräfte nicht unendlich sind, sondern Erholung brauchen. Oder mag es daran liegen, dass wir die Ruhe panisch fürchten, weil sie uns zur Besinnung bringt. Und weil solche Besinnung mit schmerzlichen Einsichten verbunden sein könnte. Die Zwangspause, die uns Corona aufdrückt, lässt Zeit für kritische Fragen, was schief läuft und was korrigiert werden muss. Ein winziger Virus, leichter als eine Schuppe, dünner als ein Haar macht uns unbarmherzig die Grenzen von Leistungsstärke und Wirtschaftskraft klar. Und lehrt uns den Wert von Gemeinschaft und Solidarität neu schätzen. Die Grundlagen des Lebens haben wir nicht geschaffen, sie sind uns geschenkt. Du, Mensch, bist Geschöpf Gottes. Diese Welt ist nicht dein Eigentum. Du bist kein Kind des Todes. Die Schöpfung ist dir anvertraut. Deine Zeit auf Erden ist nicht ewig, aber deine Zeit steht wie alle Zeit in Gottes Hand. Jubel und Lob sind unsere Antwort auf Gottes Ja-Wort. Amen

Jubilate heißt der kommende

Sonntag.

„Jubelt, jauchzt vor Gott, alle Länder der Erde! Spielt zum Ruhm seines Namens! Verherrlicht ihn mit Lobpreis“ singt der 66. Psalm der hebräischen Bibel. Anbetung, Lobpreis, Dank und Staunen über die Treue und Güte Gottes - darum geht es: um einen Kontrapunkt zu den Klagen und Sorgen, den Einschränkungen, Verunsicherungen und vielen offenen Fragen, mit denen uns die Corona-Pandemie Tag für Tag konfrontiert. Ich kann es einfach nicht mehr hören, sagte neulich jemand, die ständigen Nachrichten über die Seuche, das Hin und Her-Rudern der Politik, die widersprüchlichen Ansichten der Experten, die Unsicherheit, welcher Weg die größte Aussicht auf Erfolg bietet, die Warnungen und Mahnungen, die Beschwichtigungen und Ausstiegsankündigungen, ich kann einfach nicht mehr. Jubilate heißt der kommende Sonntag. Jubelt, jauchzt und preist Gott, gebt eurer Freude Ausdruck, nehmt kein Blatt vor den Mund. Denn nicht Trauer und Tod, nicht Traurigkeit und Tränen werden das letzte Wort haben. Gott gehört es, Gott spricht es. Und es ist am Ende dasselbe wie am Anfang, JA und kein Nein. Ein unumstößliches und endgültiges Ja. Gebunden an den Namen Jesu, durch den Gottes Bejahung Hand und Fuß bekam, Gesicht und Gestalt gewann. Sein Ja gilt uns: ich habe euch mit Namen gerufen, benannt nach meinem Sohn ich habe euch erwählt und berufen, um in die Nachfolge Jesu zu treten. ihr seid meine Kinder, euch gab ich meinen Sohn. ich habe euch geliebt und liebe euch noch immer, ich habe euch erlöst, Ihr seid mein und nicht des Todes. Gottes Ja über unserem und über allem Leben, über der ganzen Schöpfung, was auch immer an Verneinung, Ablehnung, an Zurückweisung und Bedrohung sich in ihr sich ereignet. Von Anfang an. Im Schöpfungsbericht aus dem 1. Buch Mose lesen wir: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die Erde aber war wüst und leer, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Dann sprach Gott: Lasst und Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Und er schuf sie als Mann und Frau. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen. Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag. So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge. Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk seiner Schöpfung vollendet hatte. Liebe Gemeinde, hinter diesen Zeilen steckt weit mehr als nüchternes wissenschaftliches Erkenntnisstreben. Es geht nicht um Fakten, Fakten, Fakten, um die Darstellung objektiver Sachverhalte, um korrekte Analyse eines Forschungsgegenstandes. Der Versuch, Auskunft über den Anfang vor Urzeiten zu geben, zielt auf die Gegenwart, wendet sich an Menschen, die auf der Suche nach Vergewisserung, nach Halt und Grund für ihr Leben sind, gibt Antwort auf die Fragen nach unserer Herkunft und Zukunft, nach der Existenz der Welt, nach dem Grund allen Lebens und Seins. Damals, als dieser Bericht geschrieben wurde, waren dessen Adressaten in trostloser, verzweifelter Lage. Teile des Volkes Israelmussten in der Verbannung leben, weit weg von der Heimat, ohne Land und Tempel, unter fremden Herren und unter fremden Göttern. Tiefe Verunsicherung und Trauer hatte sich breit gemacht. Alles, woran das Herz hing, was Sicherheit, Perspektive, Zuversicht, Freude und Lebensmut gab, war weg. Menschen nach einer großen Katastrophe, die in den Trümmern ihres Lebensgebäudes nach Überlebensmöglichkeiten suchen. Ist alles aus und vorbei, haben sich unser Glaube und unsere Überzeugungen als Illusionen erwiesen, gibt es für uns keine Zukunft mehr?
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018
Liebe Online-Gemeinde, Ich grüße Sie alle sehr herzlich, wo immer Sie diese Internet-Predigt auch lesen. In Zeiten von Corona wünschen wir uns Schutzengel. Für uns, für unsere Familien, für unsere Nachbarn. Ich möchte deshalb über einen Film erzählen, den der vielfach ausgezeichnete Regisseur Wim Wen- ders gemacht hat. Für ihn sind Engel eine Quelle unerschöpflicher Phantasie. Nun sind die wenigs- ten von uns in der Filmbranche tätig, aber bei die- sem Thema können wohl alle mitreden, jeder und jede mit eigenen Bildern und Vorstellungen im Kopf. Flügel müssen sie haben, sollen ja pfeilschnell an Ort und Stelle sein, wenn sie gebraucht werden. Und aller Sprachen mächtig sein, schließlich müs- sen sie überall auf der Erde verstehen, was die Menschen beschäftigt. Engel altern nicht, sie schreiten durch die Zeiten. Nicht selten in Einheitsrobe, lange, wallende Ge- wänder, natürlich in weiß, der Farbe der Unschuld. Engel kommen schwebend daher wie Schneeflo- cken, der Traum ist ihr bevorzugtes Spielfeld. Engel sind fleischlos und gehen durch dickste Mauern. Engel haben kein Eigenleben, spielen weder Skat noch entspannen in Hängematten, sind eigentlich immer im Dienst. Ihr Dasein besteht im Erfüllen von Aufträgen und Ausüben wichtiger Funktionen, sie sind selbstlose Wesen, ohne eigene Identität und Interessen. Engel sind nicht weisungsgebunden, was mensch- liche Wünsche oder Erwartungen betrifft, sondern Boten aus einer anderen Welt. Engel sind in der Regel unsichtbar, auch wenn ihre Abbilder Friedhöfe, Siegessäulen oder Kirchen- pforten schmücken. Wir kennen den Schutzengel und auch den Ra- cheengel, haben von Erzengeln gehört und von den gefallenen Engeln, es gab sogar einen Fußball- spielenden blonden Engel (auch wenn das nur ein Mensch namens Bernd Schuster war und in Diens- ten von Real Madrid stand). Liebe Gemeinde, das soll für den Einstieg reichen. Das Weitere überlasse ich Ihnen und Ihrer unerschöpflichen Phantasie. Ich möchte ja noch ein bisschen Zeit haben, um vom „Himmel über Berlin“ zu erzählen. Der Film spielt in der Nachkriegszeit, noch ist die Stadt geteilt, noch zieht sich die Mauer mit Sta- cheldrahtzaun und Todesstreifen wie eine hässli- che Narbe quer durch Berlin und trennt die Menschen im Westen und Osten. Trümmergrund- stücke, ödes Brachland mitten in der Stadt, Kriegs- ruinen, Mietskasernen. Nur der graue Himmel über der Stadt ist unteilbar. Und der gehört nicht Ost oder West, sondern den beiden Engel Cassius und Damiel. Besondere Engel. Sie verliren ihre Flügel, wandern in langen Mänteln unsichtbar durch die Straßen und Häuser der Stadt, beobachten alles, hören zu, bleiben stumme Zeugen, die in das Geschehen um sie herum nicht eingreifen. Mehr als eine Hand auf die Schulter oder den Kopf der Menschen, die davon gar nichts mitkriegen, haben sie nicht zu bieten. Auf ihrem Gang durch Berlin nehmen sie uns mit in eine Welt, in der die Menschen mit ihren Sorgen, Problemen und Ängsten allein schei- nen. Man sieht durch Fenster in trostlose Woh- nungen, blickt in der U-Bahn in leere Gesichter, streift durch eine Bibliothek, in der gepaukt wird, notiert Gesprächsfetzen und unverständliches Ge- murmel auf der Straße. Schließlich tauschen sich Cassius und Damiel, die beiden Hauptfiguren, über ihre Eindrücke aus, schildern Miniaturaufnahmen vom Leben in Berlin. „Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein was geis- tig ist zu bezeugen.“ sagt Damiel am Ende. „Aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zuviel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüber schweben. Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, dass die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß jetzt und jetzt und nicht mehr je und in alle Ewigkeit sagen.“ Ein Engel will ins Leben, träumt vom Füttern der Katze am Feierabend, vom Fieber einer Erkran- kung, von schwarzen Fingern beim Durchblättern frisch gedruckter Zeitungen, vom Füße ausstre- cken unter dem Tisch, träumt von den tausend tagtäglichen Kleinigkeiten, die für uns nicht der Rede wert sind, träumt den Traum vom Leben in Fleisch und Blut. Sich nicht nur von Geist begeistern lassen, son- dern von einer Mahlzeit. Ach und oh und ah und weh sagen können statt immer nur ja und amen. Endlich hinaus in die Welt jagen. Weg mit der Welt hinter der Welt. Sein Gegenpart hört zu, nicht ohne Sympathie, teilt die Begeisterung seines Kollegen jedoch nicht. „Allein bleiben, geschehen lassen, ernst bleiben...nichts weiter tun als anschauen sam- meln, bezeugen, beglaubigen, wahren, im Geist bleiben, im Abstand bleiben, im Wort bleiben...Cassius wird sich nicht ins Leben ziehen lassen, „denn nichts davon wird wahr sein“, pro- phezeit er skeptisch, und doch ist er Damiel bei dessen Eintritt in die Welt der Irdischen behilflich.. Es ist sicher kein Zufall, dass der letzte Schritt vor Damiels himmlischer Absturz ins irdische Leben im Todesstreifen an der Mauer spielt. Damiel weiß, welchen Preis er für seinen Entschluss zah- len wird. Seine Tage werden begrenzt sein, er wird Schmerzen spüren, verletzlich werden, übers Ohr gehauen, aber auch die Neugier und das Staunen entdecken, wird Sehnsucht im Herzen tragen und auf der Suche nach einer großen Liebe bleiben. Eins ist nicht ohne das andere zu haben. Wider- sprüche aushalten müssen und dennoch die Hoff- nung nicht aufgeben, am Anderen leiden und den Anderen brauchen wie Luft zum Atmen, Lust emp- finden und Trauer über Abschiede spüren, feiern im Wissen sterblich zu sein. Und plötzlich kommt Farbe in den Film, wechselt er vom tristen schwarz-weiß in bunte Bilder. Und es ist so, als ob ein tief hängender Wolkenvorhang plötzlich aufreißt und die Sonne ihr Licht über die Erde Leben gießt. Eine Liebeserklärung ans Leben, ohne dessen be- drückende, traurige Seiten dabei auszublenden oder zu verdrängen. Bilder von Krieg und Terror, von öder Leere, vom Leid der Opfer, der Ratlosig- keit aus der Zeit Gefallener, der Wut miteinander Streitender. Und daneben: Schönheit, Leichtigkeit, Jugend, Fest und Feier, Kinder im Spiel, ein kauzi- ger Schauspieler, der Anteil nimmt, Damiel hilft und später entlarvt wird. Auch er ein früherer Engel, der den Himmel zugunsten der Erde verließ. Können Menschen füreinander Engel werden? Sie können es, sagt der Himmel über Berlin. Kön- nen es, wenn und weil sie das Wunder der Liebe entdecken. Damiel hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt einen kleinen Wanderzirkus entdeckt, der vor der Pleite steht und sich auflösen muss. Als unsichtba- rer Gast besucht er die Abschiedsvorstellung und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion, die fe- derleicht unter der Zirkuskuppel schwebt und schaukelt, hört ihren Gedanken zu, ist hingerissen von ihrem Lebensmut, ihrer Zuversicht, ihrer Ju- gend und Schönheit. Doch als er erneut den Zir- kus besuchen will, findet er nur noch den verlassenen Sandkreis der früheren Manege. Er macht sich auf die schwierige Suche, im Dschungel der Metropole, unter Tausenden von hin und her Hastenden die eine wieder zu entde- cken, ist ja kein Engel mehr, der aus himmlischen Höhen herabschaut, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher, der sein Glück sucht. Und am Ende findet. Sehnsucht findet Erfüllung. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt, sie hat mich heimgeholt und ich habe heimgefunden, wird Damiel später sagen. Es war einmal und also wird es sein. Das Bild, das wir gezeugt haben, wird das Bild meines Sterbens sein. Ich werde darin ge- lebt haben. Erst das Staunen über uns zwei hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß. Ihr Lieben, Ob die Aufgabe von Engeln möglicherweise darin besteht, Aufmerksamkeit für die Einmaligkeit, die Kostbarkeit, die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Geschenks zu wecken, das wir Leben nennen? Ob die Tatenlosigkeit der beiden im Himmel über Berlin uns am Ende lehren will: Ihr selbst steht in der Verantwortung, Euer und anderer Leben zu schützen, die Liebe zu verteidigen, den Schmerz auszuhalten, einander beizustehen, Trost zu spen- den, Unerträgliches tragen zu helfen. Sollte es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Verwandlung vom Engel zum Menschen eine Lie- beserklärung ans Leben ist, ein Lobpreis aufs Menschsein trotz aller Wunden, die geschlagen werden, trotz Schatten tiefer Täler, trotz des un- vermeidlichen Todes? Und wenn die Liebe die Kraft besitzt, aus Engeln Menschen zu machen, sollte sie es dann nicht auch schaffen, dass Menschen einander zu Engeln werden? Wim Wenders „Himmel über Berlin“ verliert nicht ein einziges Wort über Gott. Die Engel sind keine Boten, die den Menschen in seinem Auftrag etwas zu sagen haben. Sie können den Alltag der Welt nicht steuern, können durch Zauberhand kein Un- heil verhüten, sind weder Tröster noch Ratgeber oder Beschützer. Aber weil einer von ihnen sein ewiges Engelsein gegen die Menschwerdung eintauscht, weil er das irdische Leben so sehr liebt, dass er dafür auch den Tod in Kauf nimmt, lehren diese Engelge- schichte einen Blick, der oft verloren zu gehen droht, lehrt tiefe Wertschätzung für das irdische Dasein. Und setzt so ins Bild, was im Korinther- brief des Apostel Paulus unter der Überschrift „Das Hohe Lied der Liebe“ aufgeschrieben ist. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen re- dete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tö- nendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Und ein paar Zeilen später: Die Liebe hört niemals auf, wo doch das propheti- sche Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser pro- phetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich er- kennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden