Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
ausweglos erscheint? Baruch erzählt es uns nicht. Aber sein Nachfahr, der große Franz Werfel erzählt es uns. Und es könnte so gewesen sein. Nach Franz Werfel tut Jeremia etwas völlig Verrücktes, etwas, was keinen Sinn zu machen scheint. Jeremia singt ein Lied. Dieser zaghafte, sensible Jeremia, der mit Gott, seinem Herrn, auch unserem Gott, so oft im Clinch lag, dass wir gar nicht mehr hinsehen und vor allen Dingen hinhören möchten. Dieser Jeremia singt ein Lied. Einen alten, so alten Klagegesang. Wir haben diesen Klagepsalm vorhin gehört. Ich lese ihn noch einmal in der Fassung von Franz Werfel (Verlesung nach F. Werfel s. S. 490). Ach, ich muss Euch gestehen, ich habe diese Worte so oft gelesen. Und immer und immer wieder hatte ich das Gefühl: so unendlich traurig sind diese Worte und so unendlich schön und hoffnungsvoll. Ihr werdet sagen: wie geht das zusammen, traurig und hoffnungsvoll? Und ich sage Euch: natürlich, geht das. Bei Jeremia geht das! Da ist das Gefühl des Zerstörtwerdens. Wir kennen das. Selbst Gott scheint gegen ihn zu sein. Auch das kennen wir. Da ist ein gefährlicher Bär, ein gefährli- cher Löwe. Ein bedrohliches Tier. Da sind die Worte: „DU hast mich gehen lassen, der ich das Elend gut kenne. Du hast mich gehen lassen in die Finsternis.“ Auch wir kennen das. Doch dann kommt die Wendung. Das Lied nimmt eine Wendung aus der tiefsten Tiefe heraus. Aus der tiefs- ten Tiefe dieser Zisterne. Und ich hoffe für uns alle, dass auch wir diese Wendung kennen. Da fallen sie, diese Worte, ganz zaghaft und vorsichtig: „Muss ich nicht denken, meine Hoffnung ist dahin und gestor- ben sei mein Vertrauen?“ Ist es nicht so? Aber das Lied geht weiter. Es bleibt nicht dabei ste- hen. Und es geht weiter mit den Worten: „Ich aber will singen zu meinem Herzen: die Liebe Gottes ist nicht dahin und sein Erbarmen mit mir ist nicht zu Ende. An jedem Morgen geht seine Treue auf.“ Ach, schöner kann dies nicht gesungen werden! So leise, so zitternd, so zaghaft. Ja, die Liebe Gottes ist stärker. Ist stärker als das böse Tier! Ja, trotz allem Zweifel, oder vielleicht auch gerade wegen allem Zweifel, hat Jeremia dieses zwar erschüt- terliche, aber nicht aufgebende Gottvertrauen. Zit- ternd und doch felsenfest! Ein Widerspruch ja, doch ein Widersprich, der lebbar ist. Ja und wo die Liebe Gottes ist, da sind auch die retten- den Hände nicht weit! Die Hände, die Einen aus dem Schlamm ziehen. Menschenhände. Rettende Hände. Rettende Hände, die ein Seil herunterwerfen in die Tiefe, damit der Prophet sich an dieses Seil klammern und hochgezogen werden kann. Was ist in der Zwischenzeit passiert, als Jeremia sein Lied gesungen hat? Sein Lied zu Gott, dem Schöpfer aller Dinge. Und wir würden sagen zu Gott, dem Vater Jesu Christi. Ebed Melech ist der Mann der Stunde. Der Mann Got- tes in dieser Situation. Ein Schwarzer. „Ein Mohr“ – wie es noch in der Lutherübersetzung von 1965 so gruse- lig heißt. Vielleicht auch ein Ungläubiger, ein Ausländer, ein Fremder, der am Hofe des Königs als Kämmerer durchaus eine höhere Stellung innehatte. Jedenfalls ein Mann ohne Namen, denn Ebed Melech ist kein Name. Es ist hebräisch und heißt „Knecht des Königs.“ Wieso dieser Ebed Melech vom Schicksal des Propheten erfährt, bleibt unklar. Er hat davon gehört, heißt es im Bibeltext. Vielleicht hat er auch das Lied des Jeremia gehört? Wie dem auch immer sei! Ebed Melech geht zum König. Das kann er sich als Kämmerer durchaus erlauben. Und er sagt: „Das geht nicht, Herr!“ Ja und dieser wankelmütige König? Viel- leicht war er froh, dass er in Ebed Melech eine Mög- lichkeit hatte, dem Propheten zu Hilfe zu kommen? Jedenfalls sieht er in diesem Schwarzen die Möglich- keit, an seinen Beratern, seinen Oberen vorbei zu kommen. Und er gibt dem Handeln dieses Ausländers seinen Segen. Ebed Melech ist fast liebevoll zu nennen. Er denkt bei seiner Aufgabe an wahrlich jedes Detail. Auch an die Lumpen, die er aus der Kleiderkammer holt, damit Je- remia sich diese unter die Achseln legen kann, damit das Seil beim Hochziehen nicht so weg tut. Und so kommen die rettenden Hände zur Zisterne. Und Jeremia erkennt sie als die Hände Gottes. Die gegen das böse Tier kämpfende Liebe hat es ihm möglich gemacht, diese Hände als Hände Gottes wahrzunehmen. Und das ist das Entscheidende. Auch für uns. Dass wir die rettenden Hände erkennen und durch die Liebe Gottes ja zu ihnen sagen können. Und so endet die Geschichte, die auch unsere Ge- schichte ist, mit dem zweiten dürren Satz des Chronis- ten Baruch. „Und so blieb Jeremia im Wachthof.“ Er hatte wieder Boden unter dem Füßen und konnte die Sonne sehen. Das Vertrauen zu Gott hatte gesiegt über alle Zweifel. Über alle Zweifel, die dazu gehören. Auch für uns! Amen! Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle notwen- dige Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!
Predigt über Jeremia 38, 1 – 13 Liebe Gemeinde, immer, wenn es um Leben und Tod geht, wird Baruch, der Freund des Propheten Jeremia, der diese Geschichte für uns festgehalten hat, äu- ßerst knapp mit seinen Worten. So wie es Chro- nisten eben tun, knapp und sachlich, da, wo viele Emotionen mit im Spiel sind. Letztlich kreist diese Geschichte um zwei dürre Sätze, in denen viel Sprengkraft liegt. Der eine lautet: „… und Jeremia sank in den Schlamm (der Zisterne).“ Und der andere: „Und so blieb Jeremia im Wachthof (des Königs).“ Das Eine ist der Ort des absoluten Verderbens, das Andere der Ort relativer Sicherheit. Zwischen diesen Orten spielt sich ein menschliches Drama ab. Ein Drama, das sicherlich viele von uns in an- derer Weise auch erlebt haben. Denn im Grunde geht es auch um uns selbst. Um uns selbst als Christinnen und Christen. Was ist passiert? Nun es beginnt damit, dass der Prophet als per- sönlicher Gefangener des Königs im Wachthof verweilt. An diesem Ort in Jerusalem der Haupt- stadt Judas, an diesem Ort, wo die Kriegsleute sich sammeln, wo sie in Schichten eingeteilt wer- den, um die Türme der Stadt zu besetzen und Wache zu halten, damit der Feind, der die Stadt belagert, diese nicht erobern kann. Denn Wach- samkeit ist wichtig. Der Wachthof aber auch der Ort der Toten und Gefallenen, der Ort der Verletzten und Verwun- deten, der Stöhnenden und Weinenden. Jeremia lag in diesem Geschehen und bekam alles mit. Er lag da gefesselt, weil er etwas Unerhörtes getan hatte. Er hatte das Wort Gottes gespro- chen. Er hatte es gesprochen klar und ruhig, ohne alle Aufregung. Und das Wort lautete: Ihr habt keine Chance, keine Chance gegen die an- rückenden Chaldäer. Lauft zu ihnen über, so ret- tet ihr wenigstens euer Leben! Ein ungeheuerliches Wort. Ein Aufruf zum Desertie- ren. Ein Aufruf zum Untergraben der Moral der Truppe, würden wir heute sagen. Es entstand ein Tumult. Der König selbst wurde geholt. Dieser König, mit dem der Prophet im Ge- heimen so oft gesprochen hatte. Dieser König, der den Prophet eigentlich mochte, es aber nicht zeigen durfte. Dieser König mit dem Namen Ze- dekia, auf Deutsch übersetzt, der Gerechte. Ach, dieser König war nicht gerecht. Er war wan- kelmütig, hatte Angst vor seinen Oberen, seinem mächtigen Gefolge. Er wollte nichts riskieren. Je- denfalls keinen Aufstand gegen ihn selbst. Es galt seine schwindende Macht zu retten. Dieser König sah zu seinem Gefolge und von die- sen zu Jeremia. Er sah hin und her. Er war wan- kelmütig. Was sollte er tun, um seine Macht zu retten? Nach einer langen Pause, so stelle ich es mir vor, sprach er den entscheidenden Satz: „Siehe, er ist in euren Händen. Ich vermag nichts gegen euch zu tun.“ Im Grunde wie eine Ent- schuldigung zu Jeremia gesprochen: „Tut mir leid. Ich muss meine eigene Haut retten.“ Heute nennt man das kühl: Sachzwänge. Oder im Klartext: Flucht aus der Verantwortung. Jedenfalls gegenüber dem Propheten, den er ja so mochte. So geschieht, was geschehen muss. Doch nein! Es geschieht viel, viel mehr! Die Oberen, die Ratgeber des Königs denken sich einen geradezu teuflischen Plan aus. Töten. Nein, so einfach werden sie es dem Propheten nicht machen. Langsam, qualvoll soll er sterben! Fast bin ich geneigt zu sagen: welch ein Glück für Jeremia, dass sie diesen und keinen anderen Plan hatten! Denn sie hatten die Rechnung ohne den Wirt, sprich Gott den Herrn persönlich, gemacht! Aber das konnten sie nicht wissen. Ja und dann kommt es zu diesem Satz des Chro- nisten Baruch, zu diesem so knappen und dürren Satz. Aber vielleicht hat Baruch so geschrieben, weil er auf diese Art und Weise seine eigenen Ge- fühle am besten im Zaum halten konnte. Jeden- falls findet das Dramatische in wenigen Worten festgehalten statt: „ …und Jeremia sank in den Schlamm.“ Da war er nun, der Prophet, im Schlamm einer Zisterne. Einer Zisterne von der uns Franz Werfel, der jüdische Schriftsteller, in seinem großen Roman: „Jeremias, höret die Stimme“, 1938 ge- schrieben, so nüchtern mitteilt, dass dies die Stelle in Jerusalem war, wo alle Abwässer zusam- men kamen. Eine Cloake also, wo es fürchterlich stank. Da war er nun, der Prophet! Im tiefen, tiefen Loch, wo es kein Entrinnen gab. Im tiefen Loch, wo alles schlammig war und wo er in diesem Schlamm zu versinken drohte. An diesem Ort, wo es keinen Boden unter den Füßen gibt, war der Prophet angekommen. An diesem Ort der schlimmsten Verlassenheit, da wo gewisserma- ßen das böse Tier seine Krallen ausfährt, um einen zu verschlingen. Und ich frage Euch: kennen wir das nicht alle. Diesen Ort, wo wir zu versinken drohen, wo es keinen Halt gibt? Ist uns dieser Ort, jedem und jeder von uns, so unbekannt? (Pause) Nun, was tut Jeremia in dieser Situation, die so
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018
Predigt über Jeremia 38, 1 – 13 Liebe Gemeinde, immer, wenn es um Leben und Tod geht, wird Ba- ruch, der Freund des Propheten Jeremia, der diese Geschichte für uns festgehalten hat, äußerst knapp mit seinen Worten. So wie es Chronisten eben tun, knapp und sachlich, da, wo viele Emotio- nen mit im Spiel sind. Letztlich kreist diese Geschichte um zwei dürre Sätze, in denen viel Sprengkraft liegt. Der eine lau- tet: „ … und Jeremia sank in den Schlamm (der Zis- terne).“ Und der andere: „Und so blieb Jeremia im Wachthof (des Königs).“ Das Eine ist der Ort des absoluten Verderbens, das Andere der Ort relativer Sicherheit. Zwischen die- sen Orten spielt sich ein menschliches Drama ab. Ein Drama, das sicherlich viele von uns in anderer Weise auch erlebt haben. Denn im Grunde geht es auch um uns selbst. Um uns selbst als Christinnen und Christen. Was ist passiert? Nun es beginnt damit, dass der Prophet als per- sönlicher Gefangener des Königs im Wachthof ver- weilt. An diesem Ort in Jerusalem der Hauptstadt Judas, an diesem Ort, wo die Kriegsleute sich sam- meln, wo sie in Schichten eingeteilt werden, um die Türme der Stadt zu besetzen und Wache zu halten, damit der Feind, der die Stadt belagert, diese nicht erobern kann. Denn Wachsamkeit ist wichtig. Der Wachthof aber auch der Ort der Toten und Gefallenen, der Ort der Verletzten und Verwunde- ten, der Stöhnenden und Weinenden. Jeremia lag in diesem Geschehen und bekam alles mit. Er lag da gefesselt, weil er etwas Unerhörtes getan hatte. Er hatte das Wort Gottes gesprochen. Er hatte es gesprochen klar und ruhig, ohne alle Auf- regung. Und das Wort lautete: Ihr habt keine Chance, keine Chance gegen die anrückenden Chaldäer. Lauft zu ihnen über, so rettet ihr wenigs- tens euer Leben! Ein ungeheuerliches Wort. Ein Aufruf zum Desertieren. Ein Aufruf zum Untergra- ben der Moral der Truppe, würden wir heute sagen. Es entstand ein Tumult. Der König selbst wurde geholt. Dieser König, mit dem der Prophet im Ge- heimen so oft gesprochen hatte. Dieser König, der den Prophet eigentlich mochte, es aber nicht zei- gen durfte. Dieser König mit dem Namen Zedekia, auf Deutsch übersetzt, der Gerechte. Ach, dieser König war nicht gerecht. Er war wan- kelmütig, hatte Angst vor seinen Oberen, seinem mächtigen Gefolge. Er wollte nichts riskieren. Je- denfalls keinen Aufstand gegen ihn selbst. Es galt seine schwindende Macht zu retten. Dieser König sah zu seinem Gefolge und von die- sen zu Jeremia. Er sah hin und her. Er war wankel- mütig. Was sollte er tun, um seine Macht zu retten? Nach einer langen Pause, so stelle ich es mir vor, sprach er den entscheidenden Satz: „Siehe, er ist in euren Händen. Ich vermag nichts gegen euch zu tun.“ Im Grunde wie eine Entschul- digung zu Jeremia gesprochen: „Tut mir leid. Ich muss meine eigene Haut retten.“ Heute nennt man das kühl: Sachzwänge. Oder im Klartext: Flucht aus der Verantwortung. Jedenfalls gegenüber dem Propheten, den er ja so mochte. So geschieht, was geschehen muss. Doch nein! Es geschieht viel, viel mehr! Die Oberen, die Ratgeber des Königs denken sich einen geradezu teuflischen Plan aus. Töten. Nein, so einfach werden sie es dem Propheten nicht ma- chen. Langsam, qualvoll soll er sterben! Fast bin ich geneigt zu sagen: welch ein Glück für Jeremia, dass sie diesen und keinen anderen Plan hatten! Denn sie hatten die Rechnung ohne den Wirt, sprich Gott den Herrn persönlich, gemacht! Aber das konnten sie nicht wissen. Ja und dann kommt es zu diesem Satz des Chro- nisten Baruch, zu diesem so knappen und dürren Satz. Aber vielleicht hat Baruch so geschrieben, weil er auf diese Art und Weise seine eigenen Ge- fühle am besten im Zaum halten konnte. Jeden- falls findet das Dramatische in wenigen Worten festgehalten statt: „ …und Jeremia sank in den Schlamm.“ Da war er nun, der Prophet, im Schlamm einer Zis- terne. Einer Zisterne von der uns Franz Werfel, der jüdische Schriftsteller, in seinem großen Roman: „Jeremias, höret die Stimme“, 1938 geschrieben, so nüchtern mitteilt, dass dies die Stelle in Jerusalem war, wo alle Abwässer zusammen kamen. Eine Cloake also, wo es fürchterlich stank. Da war er nun, der Prophet! Im tiefen, tiefen Loch, wo es kein Entrinnen gab. Im tiefen Loch, wo alles schlammig war und wo er in diesem Schlamm zu versinken drohte. An diesem Ort, wo es keinen Boden unter den Füßen gibt, war der Prophet an- gekommen. An diesem Ort der schlimmsten Ver- lassenheit, da wo gewissermaßen das böse Tier seine Krallen ausfährt, um einen zu verschlingen. Und ich frage Euch: kennen wir das nicht alle. Die- sen Ort, wo wir zu versinken drohen, wo es keinen Halt gibt? Ist uns dieser Ort, jedem und jeder von uns, so unbekannt? ( Pause ) Nun, was tut Jeremia in dieser Situation, die so ausweglos erscheint? Baruch erzählt es uns nicht. Aber sein Nachfahr, der große Franz Werfel erzählt es uns. Und es könnte so gewesen sein. Nach Franz Werfel tut Jeremia etwas völlig Ver- rücktes, etwas, was keinen Sinn zu machen scheint. Jeremia singt ein Lied. Dieser zaghafte, sensible Jeremia, der mit Gott, seinem Herrn, auch unserem Gott, so oft im Clinch lag, dass wir gar nicht mehr hinsehen und vor allen Dingen hinhö- ren möchten. Dieser Jeremia singt ein Lied. Einen alten, so alten Klagegesang. Wir haben diesen Kla- gepsalm vorhin gehört. Ich lese ihn noch einmal in der Fassung von Franz Werfel (Verlesung nach F. Werfel s. S. 490). Ach, ich muss Euch gestehen, ich habe diese Worte so oft gelesen. Und immer und immer wie- der hatte ich das Gefühl: so unendlich traurig sind diese Worte und so unendlich schön und hoffnungsvoll. Ihr werdet sagen: wie geht das zusammen, traurig und hoffnungsvoll? Und ich sage Euch: natürlich, geht das. Bei Jeremia geht das! Da ist das Gefühl des Zerstörtwerdens. Wir ken- nen das. Selbst Gott scheint gegen ihn zu sein. Auch das kennen wir. Da ist ein gefährlicher Bär, ein gefährlicher Löwe. Ein bedrohliches Tier. Da sind die Worte: „DU hast mich gehen lassen, der ich das Elend gut kenne. Du hast mich gehen las- sen in die Finsternis.“ Auch wir kennen das. Doch dann kommt die Wendung. Das Lied nimmt eine Wendung aus der tiefsten Tiefe heraus. Aus der tiefsten Tiefe dieser Zisterne. Und ich hoffe für uns alle, dass auch wir diese Wendung kennen. Da fallen sie, diese Worte, ganz zaghaft und vorsich- tig: „ Muss ich nicht denken, meine Hoffnung ist dahin und gestorben sei mein Vertrauen?“ Ist es nicht so? Aber das Lied geht weiter. Es bleibt nicht dabei stehen. Und es geht weiter mit den Worten: „Ich aber will singen zu meinem Herzen: die Liebe Got- tes ist nicht dahin und sein Erbarmen mit mir ist nicht zu Ende. An jedem Morgen geht seine Treue auf.“ Ach, schöner kann dies nicht gesungen werden! So leise, so zitternd, so zaghaft. Ja, die Liebe Gottes ist stärker. Ist stärker als das böse Tier! Ja, trotz allem Zweifel, oder vielleicht auch gerade wegen allem Zweifel, hat Jeremia dieses zwar er- schütterliche, aber nicht aufgebende Gottver- trauen. Zitternd und doch felsenfest! Ein Widerspruch ja, doch ein Widersprich, der lebbar ist. Ja und wo die Liebe Gottes ist, da sind auch die rettenden Hände nicht weit! Die Hände, die Einen aus dem Schlamm ziehen. Menschenhände. Ret- tende Hände. Rettende Hände, die ein Seil herun- terwerfen in die Tiefe, damit der Prophet sich an dieses Seil klammern und hochgezogen werden kann. Was ist in der Zwischenzeit passiert, als Jeremia sein Lied gesungen hat? Sein Lied zu Gott, dem Schöpfer aller Dinge. Und wir würden sagen zu Gott, dem Vater Jesu Christi. Ebed Melech ist der Mann der Stunde. Der Mann Gottes in dieser Situation. Ein Schwarzer. „Ein Mohr“ – wie es noch in der Lutherübersetzung von 1965 so gruselig heißt. Vielleicht auch ein Ungläubiger, ein Ausländer, ein Fremder, der am Hofe des Königs als Kämmerer durchaus eine höhere Stellung innehatte. Jedenfalls ein Mann ohne Namen, denn Ebed Me- lech ist kein Name. Es ist hebräisch und heißt „Knecht des Königs.“ Wieso dieser Ebed Melech vom Schicksal des Propheten erfährt, bleibt un- klar. Er hat davon gehört, heißt es im Bibeltext. Vielleicht hat er auch das Lied des Jeremia gehört? Wie dem auch immer sei! Ebed Melech geht zum König. Das kann er sich als Kämmerer durchaus erlauben. Und er sagt: „Das geht nicht, Herr!“ Ja und dieser wankelmütige König? Vielleicht war er froh, dass er in Ebed Me- lech eine Möglichkeit hatte, dem Propheten zu Hilfe zu kommen? Jedenfalls sieht er in diesem Schwarzen die Möglichkeit, an seinen Beratern, seinen Oberen vorbei zu kommen. Und er gibt dem Handeln dieses Ausländers seinen Segen. Ebed Melech ist fast liebevoll zu nennen. Er denkt bei seiner Aufgabe an wahrlich jedes Detail. Auch an die Lumpen, die er aus der Kleiderkammer holt, damit Jeremia sich diese unter die Achseln legen kann, damit das Seil beim Hochziehen nicht so weg tut. Und so kommen die rettenden Hände zur Zis- terne. Und Jeremia erkennt sie als die Hände Got- tes. Die gegen das böse Tier kämpfende Liebe hat es ihm möglich gemacht, diese Hände als Hände Gottes wahrzunehmen. Und das ist das Entschei- dende. Auch für uns. Dass wir die rettenden Hände erkennen und durch die Liebe Gottes ja zu ihnen sagen können. Und so endet die Geschichte, die auch unsere Ge- schichte ist, mit dem zweiten dürren Satz des Chronisten Baruch. „Und so blieb Jeremia im Wachthof.“ Er hatte wieder Boden unter dem Füßen und konnte die Sonne sehen. Das Ver- trauen zu Gott hatte gesiegt über alle Zweifel. Über alle Zweifel, die dazu gehören. Auch für uns! Amen! Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle not- wendige Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden