Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Eins ist nicht ohne das andere zu haben. Widersprü- che aushalten müssen und dennoch die Hoffnung nicht aufgeben, am Anderen leiden und den Anderen brauchen wie Luft zum Atmen, Lust empfinden und Trauer über Abschiede spüren, feiern im Wissen sterb- lich zu sein. Und plötzlich kommt Farbe in den Film, wechselt er vom tristen schwarz-weiß in bunte Bilder. Und es ist so, als ob ein tief hängender Wolkenvorhang plötzlich aufreißt und die Sonne ihr Licht über die Erde Leben gießt. Eine Liebeserklärung ans Leben, ohne dessen be- drückende, traurige Seiten dabei auszublenden oder zu verdrängen. Bilder von Krieg und Terror, von öder Leere, vom Leid der Opfer, der Ratlosigkeit aus der Zeit Gefallener, der Wut miteinander Streitender. Und daneben: Schönheit, Leichtigkeit, Jugend, Fest und Feier, Kinder im Spiel, ein kauziger Schauspieler, der Anteil nimmt, Damiel hilft und später entlarvt wird. Auch er ein früherer Engel, der den Himmel zuguns- ten der Erde verließ. Können Menschen füreinander Engel werden? Sie können es, sagt der Himmel über Berlin. Können es, wenn und weil sie das Wunder der Liebe entdecken. Damiel hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt einen kleinen Wanderzirkus entdeckt, der vor der Pleite steht und sich auflösen muss. Als unsichtbarer Gast besucht er die Abschiedsvorstellung und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion, die federleicht unter der Zirkuskuppel schwebt und schaukelt, hört ihren Gedanken zu, ist hingerissen von ihrem Lebens- mut, ihrer Zuversicht, ihrer Jugend und Schönheit. Doch als er erneut den Zirkus besuchen will, findet er nur noch den verlassenen Sandkreis der früheren Manege. Er macht sich auf die schwierige Suche, im Dschungel der Metropole, unter Tausenden von hin und her Has- tenden die eine wieder zu entdecken, ist ja kein Engel mehr, der aus himmlischen Höhen herabschaut, son- dern ein gewöhnlicher Sterblicher, der sein Glück sucht. Und am Ende findet. Sehnsucht findet Erfüllung. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt, sie hat mich heimgeholt und ich habe heimgefunden, wird Damiel später sagen. Es war einmal und also wird es sein. Das Bild, das wir gezeugt haben, wird das Bild meines Sterbens sein. Ich werde darin gelebt haben. Erst das Staunen über uns zwei hat mich zum Men- schen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß. Ihr Lieben, Ob die Aufgabe von Engeln möglicherweise darin be- steht, Aufmerksamkeit für die Einmaligkeit, die Kost- barkeit, die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Geschenks zu wecken, das wir Leben nennen? Ob die Tatenlosigkeit der beiden im Himmel über Ber- lin uns am Ende lehren will: Ihr selbst steht in der Ver- antwortung, Euer und anderer Leben zu schützen, die Liebe zu verteidigen, den Schmerz auszuhalten, einan- der beizustehen, Trost zu spenden, Unerträgliches tra- gen zu helfen. Sollte es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Ver- wandlung vom Engel zum Menschen eine Liebeserklä- rung ans Leben ist, ein Lobpreis aufs Menschsein trotz aller Wunden, die geschlagen werden, trotz Schatten tiefer Täler, trotz des unvermeidlichen Todes? Und wenn die Liebe die Kraft besitzt, aus Engeln Men- schen zu machen, sollte sie es dann nicht auch schaf- fen, dass Menschen einander zu Engeln werden? Wim Wenders „Himmel über Berlin“ verliert nicht ein einziges Wort über Gott. Die Engel sind keine Boten, die den Menschen in seinem Auftrag etwas zu sagen haben. Sie können den Alltag der Welt nicht steuern, können durch Zauberhand kein Unheil verhüten, sind weder Tröster noch Ratgeber oder Beschützer. Aber weil einer von ihnen sein ewiges Engelsein gegen die Menschwerdung eintauscht, weil er das irdische Leben so sehr liebt, dass er dafür auch den Tod in Kauf nimmt, lehren diese Engelgeschichte einen Blick, der oft verloren zu gehen droht, lehrt tiefe Wertschät- zung für das irdische Dasein. Und setzt so ins Bild, was im Korintherbrief des Apostel Paulus unter der Überschrift „Das Hohe Lied der Liebe“ aufgeschrieben ist. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Und ein paar Zeilen später: Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser propheti- sches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen
Liebe Online-Gemeinde, Ich grüße Sie alle sehr herzlich, wo immer Sie diese Internet-Predigt auch lesen. In Zeiten von Corona wünschen wir uns Schutzengel. Für uns, für unsere Familien, für unsere Nachbarn. Ich möchte deshalb über einen Film erzählen, den der vielfach ausgezeichnete Regisseur Wim Wenders gemacht hat. Für ihn sind Engel eine Quelle unerschöpflicher Phantasie. Nun sind die wenigsten von uns in der Filmbranche tätig, aber bei diesem Thema können wohl alle mitreden, jeder und jede mit eigenen Bildern und Vorstel- lungen im Kopf. Flügel müssen sie haben, sollen ja pfeilschnell an Ort und Stelle sein, wenn sie gebraucht werden. Und aller Sprachen mächtig sein, schließlich müssen sie überall auf der Erde verstehen, was die Menschen beschäftigt. Engel altern nicht, sie schreiten durch die Zeiten. Nicht selten in Einheitsrobe, lange, wallende Ge- wänder, natürlich in weiß, der Farbe der Unschuld. Engel kommen schwebend daher wie Schneeflo- cken, der Traum ist ihr bevorzugtes Spielfeld. Engel sind fleischlos und gehen durch dickste Mauern. Engel haben kein Eigenleben, spielen weder Skat noch entspannen in Hängematten, sind eigent- lich immer im Dienst. Ihr Dasein besteht im Erfüllen von Aufträgen und Ausüben wichtiger Funktionen, sie sind selbst- lose Wesen, ohne eigene Identität und Interessen. Engel sind nicht weisungsgebunden, was menschliche Wünsche oder Erwartungen betrifft, sondern Boten aus einer anderen Welt. Engel sind in der Regel unsichtbar, auch wenn ihre Abbilder Friedhöfe, Siegessäulen oder Kir- chenpforten schmücken. Wir kennen den Schutzengel und auch den Ra- cheengel, haben von Erzengeln gehört und von den gefallenen Engeln, es gab sogar einen Fuß- ballspielenden blonden Engel (auch wenn das nur ein Mensch namens Bernd Schuster war und in Diensten von Real Madrid stand). Liebe Gemeinde, das soll für den Einstieg reichen. Das Weitere überlasse ich Ihnen und Ihrer unerschöpflichen Phantasie. Ich möchte ja noch ein bisschen Zeit haben, um vom „Himmel über Berlin“ zu erzählen. Der Film spielt in der Nachkriegszeit, noch ist die Stadt geteilt, noch zieht sich die Mauer mit Sta- cheldrahtzaun und Todesstreifen wie eine hässli- che Narbe quer durch Berlin und trennt die Menschen im Westen und Osten. Trümmer- grundstücke, ödes Brachland mitten in der Stadt, Kriegsruinen, Mietskasernen. Nur der graue Him- mel über der Stadt ist unteilbar. Und der gehört nicht Ost oder West, sondern den beiden Engel Cassius und Damiel. Besondere Engel. Sie verliren ihre Flügel, wan- dern in langen Mänteln unsichtbar durch die Straßen und Häuser der Stadt, beobachten alles, hören zu, bleiben stumme Zeugen, die in das Ge- schehen um sie herum nicht eingreifen. Mehr als eine Hand auf die Schulter oder den Kopf der Menschen, die davon gar nichts mitkriegen, haben sie nicht zu bieten. Auf ihrem Gang durch Berlin nehmen sie uns mit in eine Welt, in der die Menschen mit ihren Sorgen, Problemen und Ängsten allein scheinen. Man sieht durch Fenster in trostlose Wohnungen, blickt in der U-Bahn in leere Gesichter, streift durch eine Bibliothek, in der gepaukt wird, notiert Gesprächsfetzen und unverständliches Gemurmel auf der Straße. Schließlich tauschen sich Cassius und Damiel, die beiden Hauptfiguren, über ihre Eindrücke aus, schildern Miniaturaufnahmen vom Leben in Berlin. „Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein was geistig ist zu bezeugen.“ sagt Damiel am Ende. „Aber manchmal wird mir meine ewige Geiste- sexistenz zuviel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüber schweben. Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, dass die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß jetzt und jetzt und nicht mehr je und in alle Ewigkeit sagen.“ Ein Engel will ins Leben, träumt vom Füttern der Katze am Feierabend, vom Fieber einer Erkran- kung, von schwarzen Fingern beim Durchblättern frisch gedruckter Zeitungen, vom Füße ausstre- cken unter dem Tisch, träumt von den tausend tagtäglichen Kleinigkeiten, die für uns nicht der Rede wert sind, träumt den Traum vom Leben in Fleisch und Blut. Sich nicht nur von Geist begeistern lassen, son- dern von einer Mahlzeit. Ach und oh und ah und weh sagen können statt immer nur ja und amen. Endlich hinaus in die Welt jagen. Weg mit der Welt hinter der Welt. Sein Gegenpart hört zu, nicht ohne Sympathie, teilt die Begeisterung seines Kollegen jedoch nicht. „Allein bleiben, geschehen lassen, ernst blei- ben...nichts weiter tun als anschauen sammeln, bezeugen, beglaubigen, wahren, im Geist blei- ben, im Abstand bleiben, im Wort bleiben...Cassius wird sich nicht ins Leben ziehen lassen, „denn nichts davon wird wahr sein“, pro- phezeit er skeptisch, und doch ist er Damiel bei dessen Eintritt in die Welt der Irdischen behilflich.. Es ist sicher kein Zufall, dass der letzte Schritt vor Damiels himmlischer Absturz ins irdische Leben im Todesstreifen an der Mauer spielt. Damiel weiß, welchen Preis er für seinen Entschluss zah- len wird. Seine Tage werden begrenzt sein, er wird Schmerzen spüren, verletzlich werden, übers Ohr gehauen, aber auch die Neugier und das Staunen entdecken, wird Sehnsucht im Her- zen tragen und auf der Suche nach einer großen Liebe bleiben.
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018
Liebe Online-Gemeinde, Ich grüße Sie alle sehr herzlich, wo immer Sie diese Internet-Predigt auch lesen. In Zeiten von Corona wünschen wir uns Schutzengel. Für uns, für unsere Familien, für unsere Nachbarn. Ich möchte deshalb über einen Film erzählen, den der vielfach ausgezeichnete Regisseur Wim Wen- ders gemacht hat. Für ihn sind Engel eine Quelle unerschöpflicher Phantasie. Nun sind die wenigs- ten von uns in der Filmbranche tätig, aber bei die- sem Thema können wohl alle mitreden, jeder und jede mit eigenen Bildern und Vorstellungen im Kopf. Flügel müssen sie haben, sollen ja pfeilschnell an Ort und Stelle sein, wenn sie gebraucht werden. Und aller Sprachen mächtig sein, schließlich müs- sen sie überall auf der Erde verstehen, was die Menschen beschäftigt. Engel altern nicht, sie schreiten durch die Zeiten. Nicht selten in Einheitsrobe, lange, wallende Ge- wänder, natürlich in weiß, der Farbe der Unschuld. Engel kommen schwebend daher wie Schneeflo- cken, der Traum ist ihr bevorzugtes Spielfeld. Engel sind fleischlos und gehen durch dickste Mauern. Engel haben kein Eigenleben, spielen weder Skat noch entspannen in Hängematten, sind eigentlich immer im Dienst. Ihr Dasein besteht im Erfüllen von Aufträgen und Ausüben wichtiger Funktionen, sie sind selbstlose Wesen, ohne eigene Identität und Interessen. Engel sind nicht weisungsgebunden, was mensch- liche Wünsche oder Erwartungen betrifft, sondern Boten aus einer anderen Welt. Engel sind in der Regel unsichtbar, auch wenn ihre Abbilder Friedhöfe, Siegessäulen oder Kirchen- pforten schmücken. Wir kennen den Schutzengel und auch den Ra- cheengel, haben von Erzengeln gehört und von den gefallenen Engeln, es gab sogar einen Fußball- spielenden blonden Engel (auch wenn das nur ein Mensch namens Bernd Schuster war und in Diens- ten von Real Madrid stand). Liebe Gemeinde, das soll für den Einstieg reichen. Das Weitere überlasse ich Ihnen und Ihrer unerschöpflichen Phantasie. Ich möchte ja noch ein bisschen Zeit haben, um vom „Himmel über Berlin“ zu erzählen. Der Film spielt in der Nachkriegszeit, noch ist die Stadt geteilt, noch zieht sich die Mauer mit Sta- cheldrahtzaun und Todesstreifen wie eine hässli- che Narbe quer durch Berlin und trennt die Menschen im Westen und Osten. Trümmergrund- stücke, ödes Brachland mitten in der Stadt, Kriegs- ruinen, Mietskasernen. Nur der graue Himmel über der Stadt ist unteilbar. Und der gehört nicht Ost oder West, sondern den beiden Engel Cassius und Damiel. Besondere Engel. Sie verliren ihre Flügel, wandern in langen Mänteln unsichtbar durch die Straßen und Häuser der Stadt, beobachten alles, hören zu, bleiben stumme Zeugen, die in das Geschehen um sie herum nicht eingreifen. Mehr als eine Hand auf die Schulter oder den Kopf der Menschen, die davon gar nichts mitkriegen, haben sie nicht zu bieten. Auf ihrem Gang durch Berlin nehmen sie uns mit in eine Welt, in der die Menschen mit ihren Sorgen, Problemen und Ängsten allein schei- nen. Man sieht durch Fenster in trostlose Woh- nungen, blickt in der U-Bahn in leere Gesichter, streift durch eine Bibliothek, in der gepaukt wird, notiert Gesprächsfetzen und unverständliches Ge- murmel auf der Straße. Schließlich tauschen sich Cassius und Damiel, die beiden Hauptfiguren, über ihre Eindrücke aus, schildern Miniaturaufnahmen vom Leben in Berlin. „Es ist herrlich, nur geistig zu leben und Tag für Tag für die Ewigkeit von den Leuten rein was geis- tig ist zu bezeugen.“ sagt Damiel am Ende. „Aber manchmal wird mir meine ewige Geistesexistenz zuviel. Ich möchte dann nicht mehr so ewig drüber schweben. Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, dass die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht. Ich möchte bei jedem Schritt oder Windstoß jetzt und jetzt und nicht mehr je und in alle Ewigkeit sagen.“ Ein Engel will ins Leben, träumt vom Füttern der Katze am Feierabend, vom Fieber einer Erkran- kung, von schwarzen Fingern beim Durchblättern frisch gedruckter Zeitungen, vom Füße ausstre- cken unter dem Tisch, träumt von den tausend tagtäglichen Kleinigkeiten, die für uns nicht der Rede wert sind, träumt den Traum vom Leben in Fleisch und Blut. Sich nicht nur von Geist begeistern lassen, son- dern von einer Mahlzeit. Ach und oh und ah und weh sagen können statt immer nur ja und amen. Endlich hinaus in die Welt jagen. Weg mit der Welt hinter der Welt. Sein Gegenpart hört zu, nicht ohne Sympathie, teilt die Begeisterung seines Kollegen jedoch nicht. „Allein bleiben, geschehen lassen, ernst bleiben...nichts weiter tun als anschauen sam- meln, bezeugen, beglaubigen, wahren, im Geist bleiben, im Abstand bleiben, im Wort bleiben...Cassius wird sich nicht ins Leben ziehen lassen, „denn nichts davon wird wahr sein“, pro- phezeit er skeptisch, und doch ist er Damiel bei dessen Eintritt in die Welt der Irdischen behilflich.. Es ist sicher kein Zufall, dass der letzte Schritt vor Damiels himmlischer Absturz ins irdische Leben im Todesstreifen an der Mauer spielt. Damiel weiß, welchen Preis er für seinen Entschluss zah- len wird. Seine Tage werden begrenzt sein, er wird Schmerzen spüren, verletzlich werden, übers Ohr gehauen, aber auch die Neugier und das Staunen entdecken, wird Sehnsucht im Herzen tragen und auf der Suche nach einer großen Liebe bleiben. Eins ist nicht ohne das andere zu haben. Wider- sprüche aushalten müssen und dennoch die Hoff- nung nicht aufgeben, am Anderen leiden und den Anderen brauchen wie Luft zum Atmen, Lust emp- finden und Trauer über Abschiede spüren, feiern im Wissen sterblich zu sein. Und plötzlich kommt Farbe in den Film, wechselt er vom tristen schwarz-weiß in bunte Bilder. Und es ist so, als ob ein tief hängender Wolkenvorhang plötzlich aufreißt und die Sonne ihr Licht über die Erde Leben gießt. Eine Liebeserklärung ans Leben, ohne dessen be- drückende, traurige Seiten dabei auszublenden oder zu verdrängen. Bilder von Krieg und Terror, von öder Leere, vom Leid der Opfer, der Ratlosig- keit aus der Zeit Gefallener, der Wut miteinander Streitender. Und daneben: Schönheit, Leichtigkeit, Jugend, Fest und Feier, Kinder im Spiel, ein kauzi- ger Schauspieler, der Anteil nimmt, Damiel hilft und später entlarvt wird. Auch er ein früherer Engel, der den Himmel zugunsten der Erde verließ. Können Menschen füreinander Engel werden? Sie können es, sagt der Himmel über Berlin. Kön- nen es, wenn und weil sie das Wunder der Liebe entdecken. Damiel hat auf seinen Streifzügen durch die Stadt einen kleinen Wanderzirkus entdeckt, der vor der Pleite steht und sich auflösen muss. Als unsichtba- rer Gast besucht er die Abschiedsvorstellung und verliebt sich in die Trapezkünstlerin Marion, die fe- derleicht unter der Zirkuskuppel schwebt und schaukelt, hört ihren Gedanken zu, ist hingerissen von ihrem Lebensmut, ihrer Zuversicht, ihrer Ju- gend und Schönheit. Doch als er erneut den Zir- kus besuchen will, findet er nur noch den verlassenen Sandkreis der früheren Manege. Er macht sich auf die schwierige Suche, im Dschungel der Metropole, unter Tausenden von hin und her Hastenden die eine wieder zu entde- cken, ist ja kein Engel mehr, der aus himmlischen Höhen herabschaut, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher, der sein Glück sucht. Und am Ende findet. Sehnsucht findet Erfüllung. Ich habe in dieser Nacht das Staunen gelernt, sie hat mich heimgeholt und ich habe heimgefunden, wird Damiel später sagen. Es war einmal und also wird es sein. Das Bild, das wir gezeugt haben, wird das Bild meines Sterbens sein. Ich werde darin ge- lebt haben. Erst das Staunen über uns zwei hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt, was kein Engel weiß. Ihr Lieben, Ob die Aufgabe von Engeln möglicherweise darin besteht, Aufmerksamkeit für die Einmaligkeit, die Kostbarkeit, die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Geschenks zu wecken, das wir Leben nennen? Ob die Tatenlosigkeit der beiden im Himmel über Berlin uns am Ende lehren will: Ihr selbst steht in der Verantwortung, Euer und anderer Leben zu schützen, die Liebe zu verteidigen, den Schmerz auszuhalten, einander beizustehen, Trost zu spen- den, Unerträgliches tragen zu helfen. Sollte es am Ende darauf hinauslaufen, dass die Verwandlung vom Engel zum Menschen eine Lie- beserklärung ans Leben ist, ein Lobpreis aufs Menschsein trotz aller Wunden, die geschlagen werden, trotz Schatten tiefer Täler, trotz des un- vermeidlichen Todes? Und wenn die Liebe die Kraft besitzt, aus Engeln Menschen zu machen, sollte sie es dann nicht auch schaffen, dass Menschen einander zu Engeln werden? Wim Wenders „Himmel über Berlin“ verliert nicht ein einziges Wort über Gott. Die Engel sind keine Boten, die den Menschen in seinem Auftrag etwas zu sagen haben. Sie können den Alltag der Welt nicht steuern, können durch Zauberhand kein Un- heil verhüten, sind weder Tröster noch Ratgeber oder Beschützer. Aber weil einer von ihnen sein ewiges Engelsein gegen die Menschwerdung eintauscht, weil er das irdische Leben so sehr liebt, dass er dafür auch den Tod in Kauf nimmt, lehren diese Engelge- schichte einen Blick, der oft verloren zu gehen droht, lehrt tiefe Wertschätzung für das irdische Dasein. Und setzt so ins Bild, was im Korinther- brief des Apostel Paulus unter der Überschrift „Das Hohe Lied der Liebe“ aufgeschrieben ist. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen re- dete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tö- nendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Und ein paar Zeilen später: Die Liebe hört niemals auf, wo doch das propheti- sche Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser pro- phetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich er- kennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Amen
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden